Predigt über 1 Korinther 13 am Sonntag vor der Passionszeit (11.2.2024) in der Evangelischen Kirche zu Oberwinter, von Pfr.i.R. Wilfried Neusel

Liebe Geschwister, Freundinnen und Freunde,

der für diesen Sonntag Estomihi, zu Deutsch: „Sei mir ein starker Fels“ vorgesehene Predigttext passt wie die Faust aufs Auge. Er steht im 5. Kapitel des Buches des Propheten Amos. Die Überschrift: „Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen..“ (V 21) Und ich erinnerte mich an den ersten Straßenkarneval in Neuwied, kurz nach der Rückkehr aus Namibia. Unser jüngster Sohn fragte verunsichert: „Papa, müssen wir da hin? Wir sind doch evangelisch, oder?“

Aber dann war ich richtig froh, den Episteltext für den heutigen Sonntag zu lesen. Er steht im 1 Korintherbrief, im 13. Kapitel. Sie kennen Ihn alle. Wir nennen diese Worte des Apostels Paulus „das Hohelied der Liebe“. Ich lese diese kostbaren Worte in der Übersetzung der Zürcher Bibel: (V. 1-13)

Wir können diese Worte mit Fug und Recht als Vermächtnis des Paulus verstehen. Hier fasst er alles, was ihm am Herzen liegt, zusammen. Was Paulus von der Gemeinde hört bzw. vorfindet, mutet fast karnevalistisch an. Da sind einige in der Gemeinde, die mit Zungenrede glänzen, mit Glossolalie. Wenn Sie einmal einen pfingstkirchlichen Gottesdienst besucht oder im Fernseher gesehen haben, kennen Sie das: ein unbeschreibliches Stimmengewirr, Lachen, Lallen, Schluchzen, inständig Murmeln, Schreien, Jauchzen. Sie fühlen sich wie in einer anderen Welt, oder Sie wollen ganz schnell weg. Ich habe solche Gottesdienste erlebt und weiß, dass diese übersinnliche Kommunikation in unterdrückten Christengemeinden eine Befreiung sein kann. Aber Paulus nimmt in Korinth wahr, dass diese Kommunikation mit Gott auch zu einer Prestigegeschichte werden kann. In der weltweiten Ökumene erleben wir mit charismatischen oder pfingstkirchlichen  Gemeinden immer wieder, dass sie die Zungenrede zum Qualitätsmerkmal von Kirche machen. Sie behaupten, dass wir noch nicht die Geistestaufe hätten und deshalb nur halbe Christinnen oder Christen wären. Wenn die Liebe, oder präziser übersetzt, wenn die Solidarität fehlt, wird diese Geistesgabe ein tönendes Herz oder eine schallende Zimbel.

Paulus spitzt noch schärfer zu: Wenn ich weissagen kann, mit allen Geheimnissen des Himmels und der Erde vertraut bin und den ultimativen Durchblick habe, wenn ich feststehe im Glauben, sodass mir die Welt zu Füßen liegt, wie der Teufel Jesus ja auf der Zinne des Tempels anbot, aber nicht solidarisch lebe, so bin ich nichts. Wenn die Gemeindeglieder von Korinth an Liebe denken, sind sie vielleicht noch im Horizont des gebräuchlichen Wortes „Eros“. Eros meint Begehren, Lust haben, rasend sein, oder Sex haben. Paulus warnt vor den Gefahren eines asozialen Enthusiasmus, er macht die Abgründe eines religiösen Egoismus deutlich. Paulus benutzt deshalb bewusst das im alltäglichen Sprachgebrauch damals seltene Wort „Agape“. Das bedeutet: jemanden gern mögen, wertschätzen, lieb und wert halten, zu jemandem stehen.

Die Gemeindeglieder in Korinth reiben sich auf in Fraktionen, etliche mögen von den antiken Mysterienkulten geprägt sein und wollen mit spektakulären Zeichen ihres Strebens nach Vollkommenheit glänzen. Das riecht nach Eros, nach Selbstverwirklichung ohne Rücksicht auf andere Gemeindeglieder. Heute erleben wir das in esoterischen Zirkeln, wo uns so oft ein hochmütiges Insiderlächeln begegnet, oder in TV-Shows. Das Gieren nach Aufmerksamkeit und Anerkennung kann vielleicht narkotisieren, es schafft aber keine solidarische Gemeinschaft, die sich im Alltag versteht und bewährt.

Nicht anders, so Paulus, ist es auch mit den Wohltätigen und den Märtyrern. Man mag für radikales Teilen mit Armen und für ein Martyrium als Zeichen unbedingter Gottesliebe gerühmt werden. Aber Wohltätigkeit, die bewundert wird, und Martyrium für das man geehrt wird, ist Heroismus, nichts weiter. Wir kennen auch heute berühmte, superreiche Frauen und Männer, die sich mit wohltätigen oder entwicklungsfördernden Stiftungen einen Namen machen. Aller Ehren wert. Besser als nur zuzuschauen, wie die eigenen Vermögenswerte anschwellen. Ob das aber im Geist der Liebe geschieht, ist eine andere Frage. Denn konsequent wäre, für eine Wirtschaftsordnung zu kämpfen, in der es die skandalösen Unterschiede zwischen den Reichen und den Elenden dieser Welt nicht mehr gäbe.

Paulus nennt die Eigenschaften der von Gott geschenkten und für das Leben unter uns aufgetragenen Liebe. Auffallend ist, dass Paulus acht Verben, Tätigkeitswörter, gebraucht, die im klassischen Griechisch kaum oder gar nicht geläufig sind. Ein Hinweis darauf, wie grundlegend die von Gott gewollte christliche Gemeinde sich von den Gemeinschaftsmodellen im römischen Reich unterscheidet. Da galt: „Gleich und Gleich gesellt sich gern.“ In der Kirche Jesu Christi aber finden Menschen unterschiedlichster Herkunft, verschiedener gesellschaftlicher Stellung

und kultureller Prägung zusammen.

Die Koordinaten in der Nachfolge Jesu Christi sind: Die Liebe hat einen langen Atem, wertvoll erweist sich die Solidarität, sie ereifert sich nicht, prahlt nicht, bläst sich nicht auf, stellt nicht bloß, ist nicht egozentrisch, verliert nicht die Beherrschung, trägt niemand etwas nach. Sie ist nicht schadenfroh, wenn Unrecht geschieht, freut sich vielmehr mit, wo die Wahrheit siegt. Alles erträgt sie, in jeder Lage glaubt sie, gibt die Hoffnung nie auf und hält Allem stand. Ja, liebe Gemeinde, das ist eine Hausordnung, vor der wir wahrscheinlich zunächst zurückweichen. Wer von uns würde nach dieser Weise leben und lieben?

Andererseits: wir sehnen uns doch nach einer Gemeinschaft, in der diese Regeln zum Alltag gehören. Wo wir uns aufgehoben wissen ohne Vorbedingungen, uns ohne Bevormundung einüben können in Glaube, Liebe und Hoffnung. Welche Gemeinschaft könnte attraktiver sein?

Paulus ist ein tief gläubiger Mensch, hat selbst schon mystische Erfahrungen gemacht. Aber gerade deshalb ist er auch so realistisch. Prophetie, Zungenrede, intellektuelle Durchdringung der kosmischen Komplexität haben ihre Zeit und werden ein Ende finden. Er hofft auf das Vollkommene, das alles bisher bekannte und Erlebte überragt. Er sagt von sich, wie er als Kind war. Ich vermute, dass er damit höflich den Zustand der korinthischen Gemeinde beschreibt. Als Mann legte er kindliches oder kindisches Verhalten ab. Teleios, vollkommen, ist die Bezeichnung für den volljährigen, den mündigen Menschen. Aber auch als Volljähriger  erkennt er nur stückweise, verzerrt, so wie bei einem Spiegelbild eines antiken, aus poliertem Metall gefertigten Spiegels, der nicht ganz plan geschliffen war. Erkennen von Angesicht zu Angesicht erhofft Paulus sich von der göttlichen Offenbarung, die souveränes Geschenk Gottes ist. Erkannt werden ist im Hebräischen der Inbegriff einer Liebesgemeinschaft. Er erinnert an Mose. In Num 12, 8f lesen wir: „Wenn unter euch ein Prophet ist, gebe ich mich ihm als Herr zu erkennen in einer Erscheinung, rede ich mit ihm im Traum. Nicht so mein Diener Mose: Mit meinem ganzen Haus ist er betraut. Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, offen und nicht in Rätseln, und die Gestalt des Herrn darf er schauen.“ Ähnlich nah war Gott Abraham

Was bleibt für uns? Was bleibt uns in unserer offensichtlichen Unvollkommenheit?

Paulus nennt drei Schlüsselbegriffe: Glaube, also Vertrauen auf Gott, wie er sich in Jesus Christus geoffenbart hat, Hoffnung, wie Paulus im Römerbrief am Beispiel Abrahams beschreibt: „Wider alle Hoffnung hat er auf Hoffnung hin geglaubt, und so wurde er zum Vater vieler Völker.“ (4,18) Und Liebe, die einzige Lebensweise, die in der Lage ist, Andere zu fördern, zu verwandeln, zu korrigieren, zum Leben zur erwecken. Diese Liebe, welche Jesus Christus auf seinem ganzen Weg bis hin zur Lebenshingabe am Kreuz erwiesen hat, ist die einzige Kraft, die Andere, auch Feinde, zu neuem Leben erweckt. Sie bevormundet nicht, sie ist nicht rechthaberisch und sie erwartet nicht von vornherein Gegenliebe. Die Liebe kennt keine Hierarchien. Sie ist egalitär. Sie ist  die einzig tragfähige Grundlage aller positiven Veränderungen sowohl in unserem persönlichen wie im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben.

Der Karneval ist, recht verstanden, ein festlich-fröhlicher Versuch, außerhalb der kirchlichen wie der staatlichen institutionellen Zwänge  Autoritäten freundlich den Spiegel vorzuhalten und eine Gesellschaftsutopie zu inszenieren. Auch der Karneval ist ursprünglich eine Vereinigung ohne Hierarchien. Schon vor 5000 Jahren gab in Mesopotamien Vorläufer des Karneval. Eine Inschrift besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleich gestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleich geachtet.“ Der herrschaftskritische Grundton ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil des Karneval. Plötzlich erleben wir eine bunte, liebenswerte Welt. Aber auch in den Karnevalsgesellschaften haben sich Hierarchien entwickelt, die über erhebliche Geldmittel verfügen müssen. Der fröhliche Rollentausch wird oft zum Prestigeprojekt, und der Kommerz blüht.

Und der Karneval ist ein Fest, das für ein paar Tage wie ein Ventil wirkt, bevor die Fastenzeit anbricht und der ganz und gar nicht herrschaftsfreie Alltag einen wieder einholt.

Die Gemeinde Jesu Christi kann aber von der Fröhlichkeit und bunten Zuversicht des Karneval lernen und nicht nur ein paar Tage, sondern lebenslang ein Haufen der Närrinnen und Narren um Christi willen sein.

So im Sinne von Hanns Dieter Hüsch, dem Patron der Evangelischen Kirche im Rheinland:

Ich bin vergnügt

Erlöst

Befreit

Gott nahm in seine Hände

Meine Zeit

Mein Fühlen Denken

Hören Sagen

Mein Triumphieren

Und Verzagen

Das Elend

Und die Zärtlichkeit

Was macht dass ich so fröhlich bin

In meinem kleinen Reich

Ich sing und tanze her und hin

Vom Kindbett bis zur Leich

Was macht dass ich so furchtlos bin

An vielen dunklen Tagen

Es kommt ein Geist in meinen Sinn

Will mich durchs Leben tragen

Was macht dass ich so unbeschwert

Und mich kein Trübsinn hält

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

Wohl über alle Welt