Weisheit und Schöpfung
Der Herr hat mich schon gehabt im Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war. Als die Tiefe noch nicht war, ward ich geboren, als die Quellen noch nicht waren, die von Wasser fließen. Ehe denn die Berge eingesenkt waren, vor den Hügeln ward ich geboren, als er die Erde noch nicht gemacht hatte noch die Fluren darauf noch die Schollen des Erdbodens. Als er die Himmel bereitete, war ich da, als er den Kreis zog über der Tiefe, als er die Wolken droben mächtig machte, als er stark machte die Quellen der Tiefe, als er dem Meer seine Grenze setzte und den Wassern, dass sie nicht überschreiten seinen Befehl; als er die Grundfesten der Erde legte, da war ich beständig bei ihm; ich war seine Lust täglich und spielte vor ihm allezeit; ich spielte auf seinem Erdkreis und hatte meine Lust an den Menschenkindern.
So hört nun auf mich, meine Söhne und Töchter!! Wohl denen, die meine Wege einhalten! Hört die Zucht und werdet weise und schlagt sie nicht in den Wind! Wohl dem Menschen, der mir gehorcht, dass er wache an meiner Tür täglich, dass er hüte die Pfosten meiner Tore! Wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen vom Herrn. Wer aber mich verfehlt, zerstört sein Leben; alle, die mich hassen, lieben den Tod.
Wir haben es eben in der Lesung einen wunderbaren Text gehört, der uns hier von Frau Weisheit überliefert ist.
Eine weitere Schöpfungsgeschicht, die sich wie ein Gedicht ließt.
Ein Wesen oder Eigenschaft nah bei Gott wird beschrieben, ja spricht zu uns.
Es scheint, dass eine Schöpfungerskraft allein nicht ausreicht, um etwas stabiles Sinnvolles zu erschaffen. Ohne die nötige Weisheit fehlt Stabilität und planvolles Handlen, Einsicht in Zusammenhänge und Überblick.
Ein Text, der sich nicht nur an Gelehrte und deren Schüler richtet, sondern grundsätzlich an jeden.
Wer oder was ist diese Weisheit nun eigentlich?
Wir finden ihre Spuren bereits in Isis-Texten des alten Ägypten.
Wir erkennen im Text auch etwas wie die heilige Geistkraft, die als Vermittlerin, Bestärkerin und Trösterin zu Pfingsten ihren großen Auftritt hat.
Der Text stellt uns eine weibliche Weisheit vor, die anders als die männlichen Protagonisten der Verfasser der Lehrtexte im Sprüchebuch einen direkten Zugang zu Gott repräsentiert.
Die ganz praktisch auf Vernunft, Klugheit und ein gelungene Leben setzt.
Die Entfernung zu Gott wird mit ihr überbrückt und Gottes Handeln zum einen erklärt und begründet, aber auch die Bedürfnisse der Menschen Gott gegenüber vertreten.
In diesem Text spricht Frau Weisheit sehr selbstbewußt und in der ersten Person.
Sie existierte vor der Schöpfung, deren Geschichte hier ja aus ganz eigener Sicht wiederholt wird. Sie lobt den Schöpfer und die Schöpfung und berichtet begeistert von den Fortschritten wie eine Mutter, die die Werke ihres Kindes bewundert und lobt. Und auch ihren eigenen Anteil daran nicht verschweigt.
Sie ist schon in der Welt bevor es Himmel und Erde gab. Hieß freudig die ersten Berge und Täler willkommen.
Sie tanzt begeistert und verspielt über den Wassern der Urmeere, fliegt mit den Wolken und kennt die Abgründe und die allerhöchsten Höhen unserer Erde.
Und die Krönung des Ganzen sind die Menschenkinder, die nun aber auch Unterstützung und Unterweisung benötigen.
Am Ende wird es dann doch noch Ernst.
Gehorsam und Vernunft werden angemahnt und mit strengen Worten eingefordert.
Wenn wir schon nicht Weisheit erlangen können so sollten wir doch klug handeln, die Konsequenzen unserer Aussagen und Taten bedenken und nach Wissen und Entwicklung unserer Selbst und unserer Umgebung streben.
Ein Zusatz, der in seinem autoritären Ton einen deutlichen Gegensatz zu den jubilierenden Worten und der Leichtigkeit der Stimmung zu Beginn des Berichtes bildet.
Eine andere Geschichte, die in den Sprüchen zu finden ist stellt ein Beispiel dar, für dieses kluge Handeln, das hier angemahnt wird:
Sprüche 31, 10-31
Lob der tüchtigen Frau
10 Wem eine tüchtige Frau beschert ist, die ist viel edler als die köstlichsten Perlen. 11 Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen, und Nahrung wird ihm nicht mangeln. 12 Sie tut ihm Liebes und kein Leid ihr Leben lang. 13 Sie geht mit Wolle und Flachs um und arbeitet gerne mit ihren Händen. 14 Sie ist wie ein Kaufmannsschiff; ihre Nahrung bringt sie von ferne. 15 Sie steht vor Tage auf und gibt Speise ihrem Hause und den Mägden ihr Teil. 16 Sie trachtet nach einem Acker und kauft ihn und pflanzt einen Weinberg vom Ertrag ihrer Hände. 17 Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und macht ihre Arme stark. 18 Sie merkt, wie ihr Handel Gewinn bringt; ihr Licht verlischt des Nachts nicht. 19 Sie streckt ihre Hand nach dem Rocken, und ihre Finger fassen die Spindel. 20 Sie breitet ihre Hände aus zu dem Armen und reicht ihre Hand dem Bedürftigen. 21 Sie fürchtet für die Ihren nicht den Schnee; denn ihr ganzes Haus hat wollene Kleider. 22 Sie macht sich selbst Decken; feine Leinwand und Purpur ist ihr Kleid. 23 Ihr Mann ist bekannt in den Toren, wenn er sitzt bei den Ältesten des Landes. 24 Sie macht einen Rock und verkauft ihn, einen Gürtel gibt sie dem Händler. 25 Kraft und Würde sind ihr Gewand, und sie lacht des kommenden Tages. 26 Sie tut ihren Mund auf mit Weisheit, und auf ihrer Zunge ist gütige Weisung. 27 Sie schaut, wie es in ihrem Hause zugeht, und isst ihr Brot nicht mit Faulheit. 28 Ihre Söhne stehen auf und preisen sie, ihr Mann lobt sie: 29 »Es sind wohl viele tüchtige Töchter, du aber übertriffst sie alle.« 30 Lieblich und schön sein ist nichts; eine Frau, die den HERRN fürchtet, soll man loben. 31 Gebt ihr von den Früchten ihrer Hände, und ihre Werke sollen sie loben in den Toren!
Eine tolle Frau, sie schmeißt den Laden praktisch allein.
Ein Superweib, wie man es doch eigentlich nur in Superheldenkomics antrifft.
Wie es zu allen Zeiten war, braucht sie zwar einen Mann, der angesehen ist, aber das kleine Unternehmen, das sie leitet läuft allein durch ihre Klugheit und ihren Fleiß sehr erfolgreich.
Nicht nur der erwirtschaftete Ertrag der Unternehmungen wird gelobt, sondern auch die Fürsorge für ihre Mitarbeiter. Alle Mitglieder des Familienunternehmens sind wohlgenährt, leben in sicheren vier Wänden und sind adäquat gekleidet.
Auch die Erziehung der Kinder scheint gelungen. Sie lieben und respektieren ihre tüchtige Mutter.
Und der Mann kann sich glücklich schätzen mit so einer fantastischen Frau gesegnet zu sein, braucht er sich doch im Familienunternehmen um nichts zu kümmern und kann seinen repräsentativen Aufgaben nachgehen im Rat der Stadt oder der Kirche.
Da hängt die Messlatte für alle Frauen hoch.
Und wer hat sie da hin gehängt?
Die Umwelt, die Schwiegermütter, die Männer oder gar die Frauen selbst?
So wunderbar dieser Bericht einer perfekten Frau ist, so sehr erhöht er aber auch den Druck auf Frauen und Mütter, alles aber auch alles zu können und zu machen.
Praktisch Niemand kann sosehr in allen Bereichen so uneingeschränkt erstklassige Ergebnisse erzielen wie dieses Superweib.
Und doch messen sich viele Frauen an diesem Idealbild.
Daran arbeiten sich viele Frauen ab, vor allem Alleinerziehende Tag für Tag, Jahr für Jahr ab.
Oder Frauen deren Partner ihre Aufgabe allein im Verdienen des Lebensunterhaltes sehen und sich in der Familie gerne wie ein ältestes Kind mit versorgen lassen.
Und bei aller Mühe und allem Fleiß müssen die Frauen doch scheitern.
Was bleibt ist eine ewige Unzufriedenheit, ständiger Frust über unerledigte Dinge und Schuldgefühle.
Nicht genug Zeit für die Kinder gehabt zu, haben weil man ja arbeiten musste und andererseits arbeiten zu müssen um die Familie durch zu bringen.
Zusammenbrüche sind da vorprogrammiert.
Und Schuldgefühle, die einen ein Leben lang belasten können.
Ich weis, dass die Väter heute mittlerweile viele Aufgaben übernehmen, aber das was man Mental load nennt bleibt in der Familie zum größten Teil auf den Schultern der Frauen.
Die Verantwortung für die Terminplanung für Kita, Schule, Arzttermine, Sportverein und Musikerziehung, Hausaufgabenaufsicht und Verabredng mit Freunden. Und das bißchen Haushalt macht sich doch bekanntllich von allein.
Freuen wir uns einerseits, dass die Arbeit der tüchtigen Frau schon zu einem so frühen Zeitpunkt in der Bibel gewürdigt wird, auch weil der Bericht ja besonders die beruflichen Erfolge hervorhebt und auf die wirtschaftliche Selbsständigkeit der Frau hinweist.
Wirtsschaftliche Selbstständigkeit, die manch einem verdächtig erscheinen mag, macht sie doch unabhägig und frei. Frei von Unterdrückung und Abhängigkeit, die von partriarchal denkenden Menschen nicht gewünscht ist.
Lassen wir uns also von den großen Erwartungen nicht unter Druck setzen.
Schaffen wir uns Zeiten und Bereiche in denen wir durchaus auch einmal Fünfe gerade sein lassen können und Fürsorglich mit uns selber umgehen.
Mir selbst ist erst als ich eigene Kinder hatte klar geworden wie schwer es ist als Mutter, als Eltern alles richtig zu machen.
Wir machen Fehler, unsere Eltern haben Fehler gemacht.
Ohne eigene Elternerfahrung habe ich diese Fehler teilweise für unverzeihlich gehalten.
Heute weiss ich, niemand macht diese Fehler aus böser Absicht, sondern aus Unwissenheit und Überforderung.
Und so ging es meiner Tochter eben auch, als ihr Sohn sie fast zur Weissglut brachte und ihr in dem Moment klar wurde wie sie mich als Kind zur Weissglut gebracht hatte und wir uns in diesem Augenblick unsere Fehler und unsere Schuld gegenseitig verzeihen konnten.
Ein ganz wunderbarer Moment, der einen für vieles entschädigt und Kraft gibt.
((Zunächst einmal wird die Blumen- und Pralinen-industrie dadurch angekurbelt.
Aber auch wieder das schlechte Gewissen derjenigen getriggert, die den Tag vergessen haben, keine Zeit für einen Besuch gefunden haben oder die sich mit einem unpersönlichen Gruß aus der Affäre gezogen haben.))
Der Blick auf unsere Fehler und auch die Möglichkeit sie zu reflektieren und sie uns und anderen zu verzeihen kann sehr heilsam sein.
Ich denke niemand macht absichtlich Fehler, niemand meint es böse und solange wir reflektieren was wir tun und aus unseren Fehlern lernen und sie uns und unseren Eltern und auch unseren Kindern verzeihen können sind wir von Frau Weisheit gut beraten.
Kommen wir zurück auf den ersten Text aus den Sprüchen, der ja auch ein Aspekt der perfekten Person ist, dieses schönen Frauenbildes.
Seien wir weise und handeln wir klug,
tanzen wir über Wassern, werden wir kreativ und lassen wir unsere Liebe über die Welt ergießen.
Und seien wir selbstbewußt, auch wenn uns die Umwelt den Schneid abkaufen will.
Gott will nicht, dass wir scheitern.
Selbst Gott hätte seine Schöpfung ohne diese Weisheit nicht so perfekt gestalten können, heißt es dort.
((Ohne patente Menschen, die klug und, ja weise denken und planen geht es nicht.))
Und die Freude über diese perfekte Schöpfung und alle lieben Menschen, denen wir darin begegnen dürfen wollen wir heute feiern.
Heute am Muttertag sollte denjenigen, die gesorgt und gearbeitet haben etwas zurückgeben werden und sie sollten ruhig auch ein bißchen bejubelt werden.
Mit allen Müttern, Großmüttern, Tanten, Verwandten, mit allen, die sich liebevoll um unsere Kinder gekümmert haben, sollten wir heute ein gemeinsames Fest der Lebendigkeit feiern, und jubilieren über das, was uns die Schöpfung geschenkt hat, um unsere Kinder und Enkel darin großziehen zu können.
Und die es gilt, weise zu bewahren und zu schützen.
Wir wollen heute ein Fest feiern, bei dem es keiner großen Ausgaben bedarf, viel wichtiger ist gegenseitiges Zuhören, Zeit miteinander verbringen, miteinander Lachen und vielleicht auch Weinen, wenn wir an diejenigen denken die heute nicht mehr dabei sein können und denen wir viel zu verdanken haben.
Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ (Philipper 4,7)
Amen
