Predigt über Rut 1 am 3. Sonntag nach Epiphanias (24.1.2021) in Oberwinter, gehalten von Pfarrer i.R. Wilfried Neusel

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde, wir finden den Bibeltext für diesen Sonntag im Buch Rut, im ersten Kapitel.

Das Buch Rut ist eines der fünf „Megillot“, der biblischen Bücher, die programmatisch im jüdischen Festkalender verankert sind. Rut wird beim Schawuot, dem jüdischen Wochenfest, also dem 2. Erntefest im Festkalender verlesen. Das Buch Rut hat also hohen Rang im Leben der Judenheit. Wir kennen das Fest als Pfingstfest, als Fest 50 Tage nach Pessach bzw. Ostern. Dabei denken wir wohl kaum an Ernte. Wir feiern Pfingsten als Geburtsdatum der christlichen Kirche, als Grenzen überschreitende Gemeinschaft derer, die sich zu Jesus Christus bekennen. Und es ist interessant, dass die Gelehrten der Mischna und des Talmud das Fest auch nicht nur als Fest der Ernte feiern, sondern auch als Fest der feierlichen Versammlung kennen, als Fest des erneuten Empfangs der Zehn Worte;  wir sagen fälschlicherweise der „10 Gebote“. Die Tora hat bei diesem Fest herausragende Bedeutung. Denn vor allem nach der Zerstörung des Tempels und des politischen Gemeinwesens ist die Tora das Fundament jüdischen Lebens.

Warum dieser lange Anlauf? Ein wenig Geduld! Ich lese das erste Kapital des Buchs Rut nach der Übersetzung der Neuen Zürcher Bibel.

Das ganze Buch weckt in mir Assoziationen von einer lichtdurchfluteten Kathedrale, wo Trauer, Entbehrung, Enttäuschung und Klage seit Generationen die Patina geschaffen haben, aber zugleich himmlische und irdische chesed, d.h. Zugewandt-heit, Fürsorge, Liebe, Barmherzigkeit den Raum erfüllen. Im 2. Kapitel V 12 heißt es von Rut, sie sei gekommen, um Zuflucht zu finden unter den Flügeln des Gottes Israels. Ja, liebe Gemeinde, die Armen und Elenden erfahren, dass Gott beflügelt und beschirmt. Manche mögen das Buch als künstlerisch wertvolle Unterhaltungs-literatur lesen. Aber folgen wir dem Text, ist es eine Geschichte, die der des Hiob nicht nachsteht. Und folgen wir dem Text genau und kundig, so entdecken wir eine Fülle rechtlicher Themen: Witwenrecht, Eherecht, die Rechte der Frau, Erbrecht und Vermögensrecht,  Abstammungsrecht, Ausländerrecht – und eben die zentrale Bedeutung der Chesed, der Barmherzigkeit für den Ausgang der Geschichte.

Wäre dieses literarische Kleinod wirklich in der Richterzeit entstanden, verlöre es nichts von seiner Qualität. Es ist tatsächlich aber nach der Rückkehr Israels aus dem babylonischen Exil entstanden, wo bezüglich ausländischer Frauen, zumal

solcher aus Moab, Klartext geschrieben und gesprochen wurde. Im etwa zur gleichen Zeit entstandenen 5.Buch Mose heißt es im 23. Kapitel, Vers 4 unter der Überschrift „Über den Eintritt in die Versammlung“: „Kein Ammoniter oder Moabiter darf in die Versammlung kommen, auch nicht in der 10. Generation, niemals darf einer ihrer Nachkommen in die Versammlung des Herrn kommen.“ Lesen Sie zuhause das 10. Kapitel des Esra- und das 13. Kapitel des Nehemia-Buchs: Insbesondere moabitische Frauen und Männer werden mit äußerster verbaler Gewalt attackiert, denn, so heißt es: sie verunreinigen das Volk Gottes. Sogar der große König Salomo wird diesbezüglich als unrühmliches Beispiel zitiert. Was soll das? Es ist eine aus lang anhaltender Unterdrückung geborene exzessive Xenophobie, genährt vom Glauben, dass völkische Reinheit und strikte Befolgung der Tora nach dem Exil das von Gott verordnete Heilmittel seien. Der verderbliche Synkretismus des Volkes Israel und die korrupten Winkelzüge vergangener Regierungseliten brachten den Untergang. Nun wurden die harten Konsequenzen gezogen.

Nicht nur das 5. Buch Mose, auch die Bücher Esra und Nehemia wurden etwa zur gleichen Zeit geschrieben, nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil. Und, wie schon gesagt, das Buch Rut. Es liefert mit seiner anrührenden und gewinnen-den Geschichte einen bis heute ungeheuer wichtigen Kontrapunkt zur Ideologie gesetzlicher Abschottung. Diese Auseinandersetzungen fanden auch nach der schändlichen Zerstörung des Tempels im Jahr 70 und der Vertreibung aus Judäa durch die Römer in der rabbinischen Rechtsprechung ihren Widerhall! Das Thema war: wie können wir durch ethische und rechtliche Reinheit die Zukunft von Gottes auserwähltem Volk bis zur Ankunft des Messias gewährleisten? Die Frage ist gegenwärtig in Israel hoch aktuell, nicht minder aber in so genannten christlichen Regimen, wie Russland, Brasilien, Polen, Ungarn, oder in den evangelikalen USA .

Zurück zur Geschichte: sie wird in die Zeit der Richter versetzt. Eine Hungersnot, ausgerechnet in Brothausen/Bethlehem, veranlasst Elimelech/mein Gott ist König zur Flucht, und das nach Moab! Noomi/Liebe folgt ihm mit den beiden Söhnen Machlon/Kränklicher und Kiljon/Schwächlicher. Die Namen sprechen für sich. Nach dem Tod Elimelechs bleibt Noomi mit ihren Söhnen in Moab, und die Söhne heiraten Moabiterinnen, Orpa/die den Rücken kehrende und Rut. Die Deutung ihres Namens ist ungewiss. Viele übersetzen mit Freundin/Gefährtin oder Nächste (in der Peschitta/Aramäische Bibelübersetzung). Die Moabiter scheinen mit  den ausländi-schen Flüchtlingen keinen Stress zu haben. Von einem Konflikt keine Rede.

Das Unglück nimmt seinen Lauf: nach ca 10 Jahren sterben auch die Söhne. Ohne Mann und Söhne gibt es für Noomi nur eine Wahl: zurück in die Heimat, nach Brothausen, wo Gott der Hungersnot ein Ende gesetzt hat. Da sie ihren Schwiegertöchtern keine Perspektive bieten kann, fordert sie Orpa und Rut auf dem Rückweg eindringlich auf, umzukehren, bezeichnender Weise „in das Haus ihrer Mutter“. Sie hofft, dass Gott ihnen chesed = Güte erweist, wie ja die Schwiegertöchter auch der Schwiegermutter chesed = Barmherzigkeit erwiesen haben. Sie hören, dass im Gespräch Noomis mit den Schwiegertöchtern Gott jenseits von Religions- und Volksgrenzen als der Liebende, Barmherzige und Fürsorgliche angerufen wird. Nach einem herzzerreißenden Abschied kehrt Orpa/die den Rücken Kehrende ins Haus ihrer Mutter zurück. Das Argument Noomis wird für die später Lesenden ausführlich dargestellt: es geht um das kleiner werdende Zeitfenster der Schwiegertöchter für eine zweite Ehe und um die biologische Unmöglichkeit, dass Noomi den Schwiegertöchtern noch einmal männliche Nachkommen gebiert, falls sie denn überhaupt noch einmal heiraten würde. Ruth lässt sich nach der Rückkehr der Schwägerin nicht von ihrem Entschluss abbringen: „Dränge mich nicht, dich zu verlassen und zurückzugehen, von dir weg. Denn wohin du gehst, dahin werde auch ich gehen, und wo du übernachtest, da werde auch ich übernachten; dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da werde auch ich sterben, und dort will ich begraben werden. Der HERR soll mir antun, was immer er will! Nur der Tod soll uns trennen.“ Liebe Gemeinde, das ist nicht nur ein Treueschwur. Alle Elemente eines Eheversprechens finden Sie in diesen Worten. Ganz nebenbei: nicht von ungefähr schließen viele gläubige lesbische Paare ihre Ehe mit diesem Trautext.

Also gut. Noomi, die sich nach allem Mara/die Bittere nennt, findet bei der Ankunft in Bethlehem die ganze Stadt auf den Beinen. Bei der Begrüßung bekennt sie: „Reich bin ich gegangen, und mit leeren Händen hat der HERR mich zurück kehren lassen. Warum nennt ihr mich Noomi, da doch der HERR gegen mich gesprochen, Schaddai ( = der den Bund mit Abraham stiftete) mir Schlimmes angetan hat. Am Ende des 1. Kapitels wird nochmals ausdrücklich die Herkunft der Schwieger-tochter genannt. „Und so kehrte Noomi zurück, und bei ihr war Rut, die Moabiterin,

ihre Schwiegertochter, die zurückkehrte vom Land von Moab.“ In der rabbinischen Auslegung wird die anstößige Tatsache dadurch konterkariert, dass eine Parallele zum  Auszug Abrahams aus seiner heidnischen Heimat gezogen wird. Manche Rabbinen zogen aus dem Wortlaut „Rut, die zurück kehrte vom Land von Moab“ den Schluss, dass sie vielleicht schon dort im Zusammenhang mit ihrer Eheschließung  konvertiert sei.

Es ist Ihnen nicht verborgen geblieben – und bei den folgenden 3 Kapiteln ist es genau so – dass einzig Frauen die Handelnden sind, und dass die liebevolle Beziehung der Frauen sowie das Vertrauen der Rut zu Noomis Gott die Geschichte vorantreibt. Nun stellen Sie sich diese Geschichte in der nachexilischen theologi- schen Diskussion mit den Verfassern des Deuteronomium oder der Bücher Esra und Nehemia vor. Nichts ist verunreinigender als die Ehe mit einer fremdem Frau, zumal einer Moabiterin! War das alles?

Liebe Gemeinde, die androzentrische Darstellung eines guten Lebens und eines gottgefälligen Gemeinwesens ist beileibe keine typisch jüdische Eigenart. Ich erinnere mich an Geschichten und aktuelle Bilder von Flucht und Vertreibung, wo Frauen entscheidend für Leben und Überleben sorgten und bis heute sorgen. Eine von uns Studierenden sehr geliebte alte Pfarrerin, die nach dem Krieg im Oderbruch für Leben und Überleben sorgte, sollte, wie viele andere Not-Pfarrerinnen auch, am Ende der Nachkriegswirren ihren Talar wieder ausziehen.

Welchen Kampf hat Frau Selbert im parlamentarischen Rat auszustehen gehabt, bis die Gleichberechtigung von Frau und Mann im Grundgesetz verankert wurde!

Wann durften Frauen bei uns ihr eigenes Bankkonto ohne Zustimmung des Mannes eröffnen? 1972! Wer kümmert sich bei geschiedenen Ehen um die Kinder? Meistens Frauen. Nicht bezahlte, aber für die Gesellschaft unendlich wichtige Arbeit im Haushalt, in der Erziehung, in der Pflege der Eltern und Großeltern und in ehrenamtlichen Tätigeiten wird weit überwiegend von Frauen geleistet. Bei der

Addition der weltweiten Arbeitszeit sind die Frauen mit mindestens 70% beteiligt. Welch ein unwürdiges Gezeter um eine Frauenquote in Konzern-Vorständen und Parlamenten! Leider zeigt sich die männliche Mehrheit wenig beeindruckt, geschweige zur Änderung ihrer Einstellung bereit. Leider sind es weltweit die besonders Frommen, im ultra-orthodoxen Judentum, im Islam, in Orthodoxen Kirchen, in der katholischen Kirche, infamerweise auch in evangelikalen Gemeinden, die mit barbarischer Inbrunst die Unterordnung der Frau proklamieren. Wer, wie in westeuropäischen oder nordamerikanischen Nationen, an diesem Gebäude kratzt, gilt als verweichlicht, als  intellektuell und liberal, sprich: dekadent. Putin hat ein eigenes Programm zur Formierung einer gesunden Gesellschaft aufgelegt: Frauen bitte hübsch geschminkt, mit knackigem Hintern und Busen, geil im Bett – aber dann vor allem gute Haushälterin, Ehefrau und Mutter.

Halten wir angesichts dessen fest: das Buch Rut wird von der Mehrheit der Judenheit als Zeugnis von der alle herkömmlichen Grenzen sprengenden Kraft der Chesed, der liebenden Zuwendung, der Güte und der Barmherzigkeit geehrt.

Das Buch ist eine „Fest-Schrift“ und wird so in Ehren gehalten, auch in der Rechtsprechung des Rabbinats. Das Buch ist ein Leitfaden fürs Leben, obwohl nicht einmal die für den Glauben zentralen Begriffe „rein“ und „unrein“ im Text vorkommen. Lange schon vor unserer christlichen Gender-Debatte feiert die Judenheit die Power des Buches Rut. Und ehrerbietig wird regelmäßig daran erinnert, dass die Moabiterin Rut Davids Urgroßmutter ist.

Es ist nicht von ungefähr, dass die über die ganze Welt verstreute Judenheit ihre Jahrtausende alte Glaubenstradition in fremden Ländern nicht in erster Linie durch religions-gesetzliche Abschottung bewahrt hat, sondern im Sinne von Jeremia im 29. Kapitel seines Briefs an die in Babylon Verbannten: „Suchet das Wohl der Stadt …und betet für sie zum HERRN“ (v 7) Ohne jüdische Beteiligung am Leben Europas im religiösen Austausch, in Architektur und Kunst, in Musik und Literatur, in Wissenschaft und Forschung, insbesondere in der Medizin und Psychologie,wäre unsere Geschichte nicht zu denken. Das Buch Rut hat daran gewiss erheblichen Anteil. Vom Buch Rut lernen wir: Auf die Chesed, die fürsorgliche Güte kommt es an. Sie ist stärker als Gesetze und Vorurteile. Das ist uns ins Stammbuch geschrieben.

Liebe Gemeinde, ich hoffe, Ihnen Lust auf die weitere Lektüre des Buches Rut gemacht zu haben. – Und der Friede Gottes, der den Horizont unseres Begreifens überflügelt, bewahre unsere Herzen und Sinne durch Jesus Christus! Amen