Predigt über 1 Johannes 5, 1-4 von Wilfried Neusel am 2. Sonntag nach Weihnachten (4.1.2026) in Oberwinter und Remagen

Liebe Gemeinde,

von Anbeginn in der Geschichte unserer Kirche mussten Überzeugungen sortiert und Gedanken geklärt werden. Was uns überliefert wird, ist nicht ohne Weiteres allen klar. Ich mache Ihnen das am ersten, so unschuldig erscheinenden Satz unseres Predigttexts deutlich: „Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren, und wer den liebt, der ihn gezeugt hat, liebt auch den, der aus ihm gezeugt ist.“ Was das Wort „gezeugt“ betrifft, brauche ich als Theologe nur aufmerksam zu fragen: kommt das sonst wo im Neuen Testament vor? Nein, tut es nicht. Es ist einzigartig im Neuen Testament und bezieht sich auf einen Text im Buche Jesaja (1,2). Und der ist auch im Alten Testament einzigartig. Was soll das Ganze? Freut Euch! Wir sind Kinder Gottes. Lasst uns das ganz und gar wörtlich nehmen, dass wir einen so unerhörten Hoheitstitel haben. Einzigartig! Aus Gott gezeugt! Wir sind also ein Teil Gottes und haben Anteil an seiner Hoheit und an seiner schöpferischen Autorität. Sie und Ihr und ich genießen unverdientermaßen eine Hoheit, die weit über jede kaiserliche, königliche oder präsidentiale hinausreicht. Ach, eigentlich kann man das gar nicht vergleichen.
Aus Gott gezeugt heißt: wir sind geboren und können aufgewachsen mit einem unergründlichen Urvertrauen, und liebesfähig. Wir genießen eine unermessliche Freiheit, und wären wir im Gefängnis. Wir können also auch in unserer Gesellschaft souverän im Namen Gottes auftreten. Wir können, wenn andere uns was wollen oder wenn geliebte Menschen uns kränken, mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein den Teufelskreis der Vergeltung überwinden und so vielleicht auch Gegner verwandeln. Wir sind dazu wiedergeboren, uns nicht mehr einschüchtern zu lassen. Dazu wäre noch viel mehr zu sagen und zu jubeln; aber ich muss ja noch ein paar andere Dinge im Text klarmachen.

„Jeder, der glaubt, das Jesus der Christus ist…“ Da denken wir erst einmal: Tja, mit dem irdischen Jesus, dem Lehrer und Propheten komme ich schon klar. Wunder, na ja, darüber müssten wir noch einmal reden. Allerdings: dass der Gekreuzigte der Erlöser der Welt sein soll – da habe ich meine Zweifel.

Liebe Gemeinde,

wir sind mit unseren Zweifeln nicht allein. Der Briefschreiber kämpft mit den schärfsten Tönen gegen ehemalige Gemeindeglieder, die den Mythos vom Erlöser der Welt verkünden, aber vom irdischen Jesus ganz und gar nichts wissen wollen. Aus dem Brief und anderen Texten dieser Zeit können wir nur vage beschreiben, was die Gegner glaubten. Es gab zur Zeit der Griechen und der Römer eine tief sitzende Skepsis gegenüber allem, was irdisch ist und aus Fleisch und Blut besteht. Wie auch heutzutage wurden die Gemüter durch Machtan-maßung und Korruption beschwert, durch die Erfahrung militärischer Gewalt und Versklavung, durch eine unendliche Kluft zwischen Arm und Reich und durch die Verachtung der Menschenwürde. Und viele begannen, durch kluge Philosophen unterstützt, zu glauben, dass das Irdische, das Natürliche, ein Fluch sei. Man sehnte sich nach einem Erlöser, der den Menschen in ein geistiges Reich holen kann und unempfindlich gegen alles Weltliche macht. Man schloss sich Mythen an, die behaupteten, ein himmlischer Seelenführer habe die Erleuchteten vom „peinlichen Erdenrest“, wie Goethe in seinem berühmten Buch „Faust“ schrieb, befreit.
Es sind oft Leute aus den höheren gesellschaftlichen Schichten, die sich einem solchen Glauben zuwenden, damals wie heute. Obwohl sie auch im materiellen Bereich prima versorgt sind, zieht es sie in ein himmlisches Elysium. Vielleicht weil sie spüren, dass sie ja selbst Mitverursacher des Elends dieser Welt sind und das nicht verkraften. Also sucht man sich eine Religion, die eine super Flucht aus der Realität verspricht, eine Erlösung zum Discount-Preis. Da hat man aber auch wieder ein Schnäppchen gemacht! „Spiritualität“, so einst der britische Premier-minister Tony Blair, „als Sozialkitt“ des immer brutaler werdenden Kapitalismus.

Und damals wie heute wird im Johannesbrief deutlich, was das Zusammenleben sogar in der Gemeinde Jesu Christi zutiefst berührte und noch immer berührt. Diese religiösen Schnäppchenjäger, im Brief „Lügner“ und „Antichristen“ genannt, sind offensichtlich einmal Gemeindeglieder gewesen, haben sie aber verlassen. Sie haben wohl, wie im Brief angedeutet (3,17), die Not armer Gemeindeglieder übersehen. „Wer immer in der Welt sein Auskommen hat und seine Geschwister Not leiden sieht und sein Herz vor ihnen verschließt: wie bleibt da die Liebe Gottes in ihm?“ Liebe Gemeinde: Wer sich mit vollem Bauch und einem schicken Haus ein spirituelles Wellness-Programm aussucht und sich darin religiös berauscht, steht in der Gefahr, asozial, und das heißt: gottlos zu bleiben.
Deshalb die Betonung im ersten Vers: „Wer den liebt, der ihn gezeugt hat, liebt auch den, der aus ihm gezeugt ist.“ M.a.W.: „Wer Gott liebt, liebt auch die Glieder der Gemeinde Gottes.“ Woran erkennen wir das? In den Versen 2 und 3 wird das klar: „..wenn wir Gott lieben und tun, was er gebietet. Denn darin besteht die Liebe zu Gott: dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.“

Liebe heißt auf christlich wie schon immer auf jüdisch: Gottes Gebote halten. Wie viele rechtsphilosophische Anstrengungen hat es im Lauf unserer Geschichte gegeben, die immer wieder um die Frage kreisten: „Was muss ich tun? Was ist rechtes Handeln? Muss ich für Andere Verantwortung übernehmen? Muss ich Widerstand gegen Unrecht leisten?“ Man kann darüber so lange sinnieren, bis das Leben an einem vorbei gefahren ist.
Damit ist der Verfasser des Briefs aber nicht beschäftigt. Es geht ihm zunächst einmal um das Verhalten der Christinnen und Christen untereinander. Sie sollen glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen in der Welt sein. Die Gemeinde, unsere „Hoffnungsgemeinde Rhein-Ahr“ soll beispielhaft leben, gewissermaßen als Modell der zukünftigen Welt. Und da ist eine eindeutige Richtschnur gegeben. Zugegeben: Gottes Gebote zu halten, wie sie uns von Jesus Christus in seiner Bergpredigt noch einmal nahe gebracht wurden, ist nach aller Erfahrung auch in der Gemeinde Jesu Christi nicht selbstverständlich. Obwohl Jesus uns doch sagt: „Mein Joch ist sanft und meine last ist leicht.“ (Mt 11,30) Tuschelei gibt es hinter unserem Rücken. Es gibt Konkurrenzgehabe, auch klerikale. Es gibt Zickenkriege in Kindergärten und Machtgehabe in Jugendkreisen. Und es gibt auch Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal Anderer. „Man soll doch seine Nase nicht zu tief in anderer Leute Angelegenheiten stecken!“ – Und irgendwie haben wir uns daran gewöhnt, dass es so ist. „Es“ ist aber kein Schicksal! Es steht geschrieben: „seine Gebote sind nicht schwer.“! Ich empfehle Ihnen und Euch, zu Hause die Zehn Gebote zu lesen – in aller Ruhe; und dann zu meditieren, ob es so schwer erscheint, diese Gebote zu halten. Vielleicht haben Sie, habt Ihr dann auch die Gnadenzusage noch im Ohr: „Nahe ist dir das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen, so dass du danach handeln kannst.“ (Dtrn 3012-14)

Alles ist zusammengefasst in den Worten der Thora: „Du sollst Gott lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst!“ (Mk 12, 30f)

Was Liebe im Allgemeinen so bedeutet, scheint ja bis heute schwammig zu sein. Meistens wird an die romantische Liebe gedacht, an verzückte Sehnsucht und heißes Begehren. Aber es geht schlicht ums Halten und Tun der Gebote! Liebe wird als einfühlsame Verantwortungsbereitschaft konkret, als Achtung der Würde unserer Nächsten. Liebe ist Ehrfurcht vor dem Leben, das Gott geschenkt hat. Mit Emotionen hat das erst mal nicht zu tun. Es geht um Haltung!
Ich denke mir, dass es in der Gemeinde so ist wie in einer großen Familie. Da gibt es oft genug Zank und Streit, aber auch bestimmte Spielregeln, die den Frieden wiederherstellen und jedem und jeder den gebührenden Raum geben. Da müssen nicht immer innige Gefühle im Spiel sein. Aber es gibt ein Zusammenleben in gegenseitigem Respekt. Und daraus wachsen dann auch Verbundenheit und Nähe.

Der Schluss des Predigttexts soll uns beflügeln und unser Herz erfreuen: „Denn alles, was aus Gott gezeugt ist, besiegt die Welt. Und das ist es, was uns die Welt besiegen lässt: unser Glaube.“ Ich gestehe, dass ich erst einmal erschrak, als ich den Satz las und mich sehr fern von dieser Behauptung fühlte. Und dann ging ich mein Leben durch und kam zu dem Ergebnis, dass immer dann, wenn ich wirklich zu glauben wagte, auch ein Sieg damit verbunden war: ein Sieg über Egoismus, über Angst, über Schwermut, über Lebensverdruss, über geheime Machtgelüste und auch über Hass.
Wir haben ja kein spirituelles Bankkonto, wo wir Zuversicht im Glauben auf Halde stapeln könnten. Es ist so, wie Dietrich Bonhoeffer vor seiner Ermordung im Gefängnis schrieb:
„Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst , sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Ihr von Gott geliebte Gemeindeglieder, probieren Sie, probiert Ihr, probieren wir es gemeinsam aus mit dem Glauben! Mit dem Glauben, der im Tun der Gebote konkret wird. Gott ward Fleisch. Wir werden ihm also nicht in einem Wolken-Kuckucks-Heim begegnen, sondern mitten in unserem Leben. Und unser Leben wird nicht so bleiben wie es ist.

Nicht vergessen: wir sind aus Gott geboren! Freuen wir uns über diese Worte. Freuen wir uns, dass wir aus Gott geboren sind, an jedem neuen Tag und in Zeiten der Sorge auch nachts, in herzlichem Vertrauen auf das Wort der Jahreslosung „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5)
Und Gottes Friede, der weiter reicht als der Horizont dieser Welt, bewahre unsere Herzen und Sinne. Amen