Was ist historisch an der Passion Christi?

 – zu Mel Gibsons gleichnamigen Film

1945, nach Ende des II. Weltkrieges, trafen sich evangelische Kirchenführer und Vertreter der Bekennenden Kirche in Stuttgart und formulierten ein Schuldbekenntnis:“ Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, treuer geliebt und gebetet haben…“ Es war das Eingeständnis eigener Schuld. Es war das Ereignis von Schuldübernahme im Sinne von Verantwortung für das furchtbare Unrecht, das im deutschem Namen Millionen Opfern angetan wurde. Denn bei der Schuld im theologischen Sinne kommt es nicht darauf an, dass einer die Schuld feststellt wie z. B. ein Staatsanwalt, sondern daß sie einer übernimmt. (H.J. Iwand) Von einer besonderen Schuldübernahme erzählt die Passionsgeschichte Jesu. „Führwahr er trug unsere Schuld und lud auf sich unsere Schmerzen..“ So beleuchtet für die Evangelien der Prophet Jesaja das, was um und mit Jesus von Nazareth geschah.( Lukas 24 – Jesaja 53.
Es ging damals (1945) ein Sturm der Empörung über Deutschland. Die Kritiker meinten, wie es denn Kirchenvertreter wagen konnten im Wir-Stil von einer kollektiven Schuld zu sprechen? Diese Empörung auch gerade von „guten“ Christenmenschen war insofern aus heutiger Sicht sonderbar, weil Christen jahrhundertelang eigentlich nichts anderes getan hatten, als dem jüdischen Volk die Schuld am Tode Jesu anzukreiden. Was man für sich selbst mit Empörung ablehnte, nämlich kollektiv für ein Verbrechen verantwortlich zu sein, sollte aber selbstverständlich für Jüdinnen und Juden allgemein gelten. „Die Juden haben den Herrn Jesus gekreuzigt!“ So lautete der Schuldspruch von vielen. Und daraus wurden abgeleitet Ghettosierung, Berufsverbote, Geldzahlungen, Ermordung, Zwangsbekehrung. Nun lief rechtzeitig zur Passionszeit in den USA einer neuer Film an: Die Passion Christi von Mel Ghibson, ein nach Zeitungsberichten ungeheuer brutaler, dem heutigen Standart von Reality-Filmen angepaßter Streifen, der den Zuschauern die brutale Folter und qualvolle Kreuzigung des Jesus von Nazareth vor Augen führt. Mittlerweile ist dieser Film auch in deutschen Kinos angelaufen. Gleichzeitig zur Premiere des Films und auch schon im Vorfeld tobte ein heftiger Streit über antisemitische Bestandteile dieser Hollywoodproduktion. Jüdische Organisationen in den USA, dort ein fester Bestandteil der US-amerikanischen Gesellschaft, wehrten sich gegen den auch in diesem Film erhobenen Vorwurf, Juden seinen Schuld am Sterben Jesu. Der Film schüre neuen Antisemitismus. Umgekehrt argumentierten die Filmemacher, vorneweg Mel Ghibson, ein bekehrter Christ, der Film sei historisch und alles sei den Evangelien gemäß wiedergegeben, ganz im Sinne fundamentalistischen Schriftverständnis. Nun ist der Begriff historisch schillernd. Was meint er? Die Filmemacher (bzw. die Zeitungsschreiber) wollen mit ihm sagen: Genauso wie im Film ist es passiert: Das Leiden Jesu. Damit verbunden die Vorstellung: Die Evangelien, also die 4 Schriften am Eingang des Neuen Testaments seien historisch, so daß uns 1:1 Tatsachenberichte von Augenzeugen vorlägen, die sozusagen mit Pergament und Tinte das Geschehen der Passion aufgezeichnet hätten. Einmal abgesehen davon, daß die Passionsberichte der vier Evangelien Unterschiede aufweisen, (so wird bei Matthäus und Markus im Hause des Hohenpriesters der Prozeß gemacht, bei Lukas und Johannes findet lediglich ein Verhör statt. Bei den einen findet es tagsüber statt, bei den anderen in der Nacht und viele andere Unterschiede), müssen wir davon ausgehen, daß die Evangelien frühestens etwa 40 Jahre nach den damaligen Ereignissen um die Kreuzigung Jesu verfaßt wurden, jedenfalls was die schriftliche Endfassung betrifft. Das Einzige, was man 99,9% als historisch ansehen kann, ist wohl dies: Jesus von Nazareth wurde an einem Freitag des Jahres 30 oder 32 in Jerusalem gekreuzigt. Nur an diesen beiden Daten fiel das Passahfest auf einen Schabbat. Und weil die Kreuzigung eine Todesstrafe durch die römischen Besatzer war muß auch zweifelsfrei gelten: Der römische Statthalter Pontius Pilatus urteilt letztgültig über Jesus von Nazareth und spricht das Todesurteil. Alles andere ist historisch unsicher. Judäa, Samaria, Galiläa, alle Landesteile Israels/Palästinas waren von den Römern besetzt. In höheren Posten eingesetzte Juden waren Günstlinge von Roms Gnaden. Das Musical Jesus Christ Superstar hat diesen Umstand gut dargestellt, wenn es den jüdischen König Galiläas Herodes Antipas als einen dekadenten Popanz am See Genezareth zeigt. Selbst die einflußreichsten Juden des Landes hatten in Wahrheit keine Macht. Eine Gerichtsbarkeit für Kapitalverbrechen stand ihnen nicht zu. Sie hätten niemals ein Todesurteil vollstrecken dürfen. Damit wäre ja ganz Einwand frei erwiesen, wer die Schuld trägt am Tode Jesu.
Es wäre alles einfach, wenn nicht die Evangelien selbst genau das Gegenteil beabsichtigen, nämlich die Tötungsabsicht jüdischer Kreise gegenüber Jesus zu behaupten, bzw. deren Zusammenspiel mit den Römern. Schon ziemlich zu Anfang des Markusevangeliums heißt es:“ Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten Rat über ihn und die Anhänger des Herodes, wie sie ihn umbrächten!“ (3,6) Nun könnte es ja ganz unabhängig von den Römern ein zweite Tötungsabsicht von Seiten der Pharaisäer gegeben haben aufgrund der Heilungstätigkeit des Jesus von Nazareth, wird doch diese Absicht im Anschluß an ein Heilungswunder berichtet, als Jesus an einem Sabbat, also dem Feiertag, heilte. Aber war dies tatsächlich ein tötungswürdiges Verbrechen? Heilung an einem Feiertag? Jüdische Gelehrte haben in der Tat lange darüber diskutiert, ob Lebensschutz und Heilen zu den verbotenen Arbeiten des jüdischen Feiertages gehören solle. Irgendwann kamen sie zu folgendem Grundsatz: “ Retten von Leben und Gesundheit steht über den Sabbatgesetzen!“ (Kolatch, S. 189 )Angenommen die Kontroverse zu diesem Thema war zur Zeit Jesu noch nicht ausdiskutiert und endgültig entschieden, aber ein todeswürdiges Verbrechen war die Heiltätigkeit an einem Sabbat bestimmt nicht. Daß Jesus am Sabbat heilte war sogar geboten, warum also die Tötungsabsicht der Gegner? Handelten sie aus Mißgunst und Neid?
Um an dieser Stelle weiterzukommen hilft vielleicht historisches Denken weiter. Gehen wir zu dem Zeitpunkt, als das erste Evangelium (Markus) schriftlich wurde, in das Jahr 70 n. Chr., etwa 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu. Eine Generation Menschen hatte seitdem gelebt. Gegen das Vergessen wurden die Erinnerungen schriftlich und theologisch gedeutet. Doch was geschah noch zu dieser Zeit? 70 nach Christus ist ein bedeutendes Datum. Römische Truppen erobern Jerusalem nach vierjährigem Krieg, zerstören den Tempel, das zentrale Heiligtum der Juden, vertreiben aus der Stadt fast alle jüdischen Bewohner. Das Judentum mit seinen vielfältigen religiösen und politischen Gruppen wie Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten, Essener usw. zerbricht. Jüdinnen und Juden flüchten. Eine lange Zeit der Zertreuung beginnt. Mitten in dem Kampf der Jahre 66-70 lebt aber ein Pharisäer und Rabbi mit Namen Jochanan ben Sakkai, ein Schüler Hillels, jenes berühmten jüdischen Gelehrten. Kurz vor der Katastrophe des Jahres 70 ist er der „Führer der Friedenspartei in der hart bedrängten Stadt. Er erkennt die Aussichtslosigkeit des ungleichen Kampfes und will retten, was zu retten ist. Jerusalem wird fallen, aber Israel soll überleben. So läßt er die Kunde von seinem plötzlichen Tod verbreiten. Die Schüler dürfen den Leichnam aus der Stadt tragen, zum Friedhof außerhalb der Mauern. Rabbi Jochanan begibt sich schnurstracks ins römische Zeltlager. Den Feldherrn Vespasian begrüßt er als Kaiser und sagt, der Senat habe ihn zum neuen Imperator Roms bestimmt. Woher der Rabbi das weiß berichtet die Erzählung nicht. Doch die Nachricht ist richtig. Der hocherfreute Vespasian will dem Juden einen Gefallen erweisen. „Äußere einen Wunsch, und ich werde ihn erfüllen!“ Rabbi Jochanan ist zu klug, um Unerfüllbares zu wünschen. So spricht er: “ Gib mir das Recht, in Jawne – einem Ort unweit der Mittelmeerküste – eine Lehranstalt zu errichten.“ Vespasian bewilligt die Bitte. Er mag den Alten wohl für närrisch gehalten haben, weil er nicht um ein greifbares Geschenk, um Gold und Silber oder ein persönliches Privileg nachgesucht hat. In Wirklichkeit sichert Rabbi Jochanan die Zukunft seines Volkes und seines Glaubens. Nach dem Untergang der Metropole wird Jawne zum neuen Zentrum der Gelehrsamkeit und zum Sitz des Synhedrions, dem Hohen Rat. Mag auch der Tempel in Schutt und Asche sinken – das Volk überlebt die Katastrophe.“ (Gradwohl S.25) Dort nun im Lehrhaus in Jawne konstituiert sich das Judentum unter pharisäischem Einfluß neu. In dieser Phase der Neukonsolidierung kommt es zu Abgrenzungen gegenüber anderen Gruppierungen des Judentums, auch gegenüber denen, die Jesus von Nazareth als den Messias für Israel verehren und an seine Auferweckung durch Gott glauben. „In der Phase der Neukonsolidierung schien es für das Judentum geboten sich von einer messianischen Bewegung zu distanzieren. Gruppen, wie die Jesusanhänger, die einen exklusiven Anspruch vertraten und damit die jüdische Gemeinschaft zu sprengen drohten und sie gefährdeten, wurden von den Lehrern des sich herausbildenden und die Mehrheit der repräsentierenden rabbinischen Judentums als Ketzer, als Häretiker bezeichnet und schlimmer eingeschätzt als Nichtjuden. Das hatte zur Folge, dass die Abweichenden sich religiöser Diskriminierung, sozialer Isolierung und wirtschaftlicher Boykottierung ausgesetzt fanden.“ (Wengst S. 25) Kurzum: Die junge Christenheit wird aus der Synagoge ausgeschlossen. Nehmen wir also einmal an, das Markusevanglium sei auch um ca. 70 n. Chr. schriftlich geworden, dann spiegelt sich in ihm die Anfänge der aktuellen Auseinandersetzung zwischen den Rabbinern als Nachfahren der Pharisäer und den Jesusleuten wieder.
So entstand biblischer Stoff. Motive der Vergangenheit werden herangezogen, um aktuelle Fragen zu beleuchten. Daß Jesus mit seinen Zeitgenossen um die Aktualität der Gebote stritt, hatten wir ja schon gesehen. Doch der tödlich Ernst dieser Auseinandersetzung, den die junge Christenheit erleiden muß, wird in die Jesuszeit zurückverlagert und in die Jesuserzählungen aufgenommen. Die Evangelien als Glaubenstexte der ersten Christen wollen aktuell helfen, die bedrohliche Lebenssituation zu bestehen und am Bekenntnis zu Jesus, dem Messias Israels festhalten. Vielleicht gibt es aufgrund dieser Einschätzung der Situation im Jahre 70.n. Chr. auch eine Erklärung dafür, warum der allgemein als äußert brutal angesehene römische Statthalter Pontius Pilatus in der Beurteilung der Evangelien vergleichsweise gut wegkommt? Er zaudert bei Jesu Verurteilung, wäscht seine Hände bekanntermaßen in Unschuld. Wir wissen aber durch die römische Geschichtsschreibung: Pontius Pilatus war ein äußerst brutaler, raffgieriger Statthalter. Nur ungern wohnte er in der jüdischen Metropole. Sein Landsitz befand sich am klimatisch angenehmeren Mittelmeer, in Cäsaräa Philippi. Archäologen fanden im Sand vor Jahren sein Hausschild. Interesse dieses Statthalters war möglichst viel Geld während seiner Amtszeit aus dem geschundenen Land zu pressen und sich in der Zeit des Regierens zu bereichern. Das tat er auch und galt als rücksichtsloser Despot. Später wird er nach Rom zurückbeordert. Ihm wird wegen maßloser Ausbeutung, Grausamkeit und Korruption der Prozeß gemacht. Was könnte also der Grund sein, diesen Despoten in einem angenehmeren Licht darzustellen? Eigentlich nur die Absicht, nicht den Zorn der Römer auf sich zu lenken, denn die junge Christenheit, noch dazu von der Synagoge geschieden, befand sich in einer ungesicherten Position. Verweigerung des Militärdienstes, Pazifismus, Güterteilung, Nichtanerkennung des Kaisers als Gott, das mußten die Römer als Angriff auf ihre Ordnung verstehen. Noch galt ja die junge Kirche gemäß der undifferenzierten Einschätzung durch die Römer als Gruppe innerhalb des Judentums, gegen die kürzlich ein erbitterter Krieg geführt und gewonnen wurde. Nichts war den Römern so unlieb wie subversives Gedankengut und Volk.

Doch kehren wir zu den Evangelien zurück. Da die Evangelien in erster Linie keine historischen Schriften sind, obwohl sie historisches Material verarbeiten, müssen wir uns fragen, welches der Kern ihrer Botschaft ist? Evangelien sind Glaubenszeugnisse und mit der Absicht geschrieben in Gottesdienst und Unterricht gebraucht zu werden. Taten und Worte Jesu werden gelernt. Die Evangelien wollen mit Hilfe des Alten Testaments erklären, wer Jesus von Nazareth war: Menschensohn (Dan7), Gottesknecht (Jess.53), ein Prophet, der wiedergekommene Elia, der Messias, Davids Sohn, Gottes Sohn, Lamm Gottes. Wie wir gesehen haben, wollen sie auch aktuell helfen, Glaubenskrisen zu meistern. Eine Vielzahl von Hoheitstiteln kennt das biblische Zeugnis. Das Markusevangelium beginnt so:“ Die ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus (=Messias), dem Sohn Gottes.“ Mk.1,1 Hier begegnen also gleich zwei Hoheitstitel in einem Satz: Messias und Sohn Gottes.
Einen entscheidenden Hinweis zum Verständnis gibt das Lukasevangelium. In der Erzählung der Emmaus-Jünger tritt ein verfremdeter Christus in die Mitte der beiden Jünger, die nach der Kreuzigung enttäuscht Jerusalem verlassen und spricht so: „Mußte nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war. „Lk.24,25+26 „Die Evangelien lehren nicht nur, daß Jesus sein Schicksal vorher weiss, sondern daß Leiden, Tod und Auferstehen Jesu göttliche Notwendigkeit ( dei ) d.h. von Gottes Heilsplan bestimmt ist.“ (Vielhauer S. 341) So sind also “ die verbrecherischen und schmählichsten Ereignisse als schriftgemäß, als Erfüllung alter Prophetien und somit die Passion als Heilsgeschehen verstanden worden.“ (a.a.O. S.341) Evangelien sind sorgsam komponierte Texte, die den Ablauf des Heilsereignisses im Leben und Sterben des Jesus von Nazareth darstellen. Genial darin verwoben die Texte aus den damaligen Schriften, unserem heutigen Alten Testament, das den neutestamentlichen Autoren Erklärungshilfe bot so z. B. die Lieder über den Gottesknecht aus Jesaja.
Interessant ist, daß im Film „Die Passion Christi“ eine Passage ganz gestrichen werden mußte, die Gewichtigste im Hinblick auf die vermeintliche Schuld des jüdischen Volkes. Bei der Verurteilungsszene durch Pontius Pilatus, als dieser seine Hände in Unschuld wäscht und sagt:“ Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!“ Da antwortete das ganze Volk:“ Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ Isoliert betrachtet könnte dieser Satz willentliche Übernahme von Verantwortung für diesen Mord bis hin zu den eigenen Nachkommen bedeuten.So übersetzt die „Gute Nachricht“ dem folgend statt Blut- Strafe. Liest man diese Passage allerdings im Gesamtzusammenhang der Passionsgeschichte des Matthäus, kommt man zu einer ganzen anderen Deutung: Denn wenige Kapitel vor der Verurteilungsszene mit Pilatus feiert Jesus bekanntermaßen das Abendmahl mit seinen Jüngern. Die Worte Jesu als Kelchwort lautet hier so: Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ 26,27+28 Die Formulierung „Blut des Bundes“ ist ein feststehender Begriff aus dem Buch Exodus (2. Mosebuch) und erinnert an den Bundesschluß Gottes mit seinem Volk am Sinai. Hier hatte Mose ein Dankopfer mit jungen Stieren dargebracht und einen Teil des Blutes genommen, das Volk damit besprengt und den Bund Gottes mit seinem Volk besiegelt. Man kann also die Verurteilungsszene mit Pilatus drehen und wenden wie man will, letztlich erbittet das Volk, unwissend und als Teil des bösen Spiels die Besprengung mit dem Blut Jesu als Zeichen eines erneuerten alten Bundes. Dieses Blut ist aber nur wenig vorher als Heilszeichen qualifiziert worden. Nichts anderes als Anteil am Heil erhält das Volk mit der Bitte um Anteil am Opferblut. Hier klingt an, wie Jesu Kreuzigung dann auch später gedeutet wurde, nämlich im Sinne eines Opfers. „Christe Du Lamm, Gottes, der du trägst die Sünd der Welt.“ Mit dem Ende der Josefsnovelle könnt man sagen:“ Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ 1. Mose 50,12. „Ich glaube, daß Gott aus allem auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will.“ D. Bonhoeffer. Oder anders gesagt: Im Gefüge der Evangeliumskomposition, die das Volk Gottes wie in der Exodustradition als halsstarrig, murrend, gottlos in das Gesamtgeschehen einarbeitet, fällt das Volk hier unter das gleiche Schema wie das alttestamentliche und steht unter dem Zwang der Ereignisse. Die, die Christi Blut fordern wirken überdies auf ihre Weise mit am Heil, an Gottes Heilsplan und der Heilsgeschichte nach Meinung des Evangelisten. Und auch Pilatus steht nach Meinung des Evangelisten unter diesem Zwang bzw. dient als Instrument Gottes. So sagt Jesus zu ihm: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre!“ Joh.19,11 Noch ein weiteres Beispiel für Erzählmaterial aus dem Alten Testament im Zusammenhang mit der Passion Christi ist die Figur des Judas. In der Josefsnovelle aus dem Buch Genesis (1. Buch Mose) ist es der Bruder mit Namen Judas, der seinen Brüdern den Vorschlag unterbreitet, Josef nicht zu töten und ihn stattdessen für 20 Silberlinge an die midianitischen Kaufleute zu veräußern. 1. Mose 37, 26ff. Für mich ist die Figur des Jesusjüngers Judas, der seinen Bruder und Meister Jesus für 30 Silberlinge an die Hohenpriester verrät ein Rückgriff des Evangelisten auf die Vorlage aus 1.Mose 37, wenn auch für seine Zwecke verformt.

Wenn wir das jetzt alles zusammennehmen, dann können wir sagen: Die Evangelien erzählen so, dass der Weg Jesu als Weg eines leidenden Messias erkennbar wird. In ihm erfüllen sich prophetische Weissagungen. Sach.9,9 Wie in einem Roman sind die Rollen festgelegt, damit die Ereignisse zu ihrem Ziel finden: Christus mußte dies alles erleiden. Sehr wahrscheinlich waren Juden an der Passion Jesus beteiligt, aber die ganze Judenheit für die Kreuzigung Jesu verantwortlich zu machen ist purer Nonsens. Es könnte vielleicht sogar gewesen sein, daß die Vorladung vor den Hohen Rat das Ziel hatte, Jesus vor dem Schlimmsten zu bewahren. Doch auch das ist reine Spekulation. Aber warum geht man nicht auch mal dem positiven Verhalten jüdischer Menschen um Jesus herum nach? Das erstaunt doch? Erzählt wird ja doch zum Beispiel auch, daß er Freunde und Sympathisanten beim Hohen Rat hatte. Erinnert sei an dieser Stelle an Josef von Arimathia, der Jesus seine Grabstätte zur Verfügung stellte oder an Nikodemus, der sich heimlich nachts mit Jesus traf und Jesus als „Lehrer von Gott gekommen“ tituliert. (Joh.3,2).

Die Evangelien sind keine Tatsachenberichte. Sie sind Schriftwerke, die Jesus zum Inhalt haben und zum Glauben einladen. Ergreifend erzählen sie davon, wie Gott das Heil für die ganze Welt im jüdischen Volk durch ein Kind dieses Volkes erwirkt. Darum bezeugt das Johannesevangelium: Das Heil kommt von den Juden! Jochen Klepper schrieb in sein Tagebuch: „Das Jüdische hat in meinem Leben zu weiten und tiefen Raum, als daß ich jetzt nicht in all dem Guten, das immer noch über meinem eigenen Leben reichlich bleibt, sehr leiden müßte. Denn mir ist, als gäbe die Heilsgeschichte der Juden der Weltgeschichte den Sinn.“ (J. Kepper, Unter dem Schatten diener Flügel S. 45)Der Jude Jesus erleidet wie 1000ende anderer Menschen in Palästina einen grausigen Kreuzestod durch die römischen Besatzer. Vielleicht möchten die Evangelien wirklich auch noch mehr sein als Erzählungen. Sie fordern uns auf zum Mitspielen und zur Stellungnahme, locken uns von den Sitzen der Zuschauertribünen und aus dicken Kinosesseln. Menschen werden hellhörig und erkennen, das Drama um die Menschheit entschiedet sich im Mann von Golgatha. Er stirbt auch für mich! Er steht auf für mich! Sein Leiden hat mit meiner Geschichte zu tun, der ich ein Teil der tragischen Menschheitsgeschichte bin. Die Choräle singen davon ein Lied. Es heißt dort:
„Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? Ach, meine Sünden haben dich geschlagen, ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, was du erduldet.“ EG 81,3
Es kann sein, wie im Choral, das die einzelne fromme Seele spürt, hier geht es auch um den Anteil meiner Schuld und noch mehr um meinen Anteil am Geschenk des Heils.

Was ist historisch an der Passion Christi? Antwort: Die Kreuzigung. Alles andere ist theologische Deutung der Bedeutung Jesu für das Heil auf dem Hintergrund biblischer Erklärungsmuster. Antijüdisch sind die Evangelien für den, der antijüdisch denkt. Die Evangelisten benutzen Typen aus der Geschichte Israels aus den ihnen vertrauten Schriften der Hebräischen Bibel, um ihren Erzählungen Gestalt zu geben. Für fast alles bis auf die Kreuzigung gibt es alttestamentliche Deutungsmuster oder Entsprechungen. Mit ihrer notwendigen aber auch einseitigen Darstellungsweise der Passion Christi verzerren die Evangelisten das Bild des Judentums. Dies ist allerdings ein gefährliches Trittbrett für antijüdische Gesinnung und für den Mißbrauch der Evangelien. Das Erzählmaterial der Evangelien ist zu komplex und kostbar, um von einem fundamentalistischen Filmemacher vermarkten zu werden.

Literatur: Klaus Wengst, Das Johannesevangelium; Alfred J. Korlatch, Jüdische Welt verstehen; Philipp Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur, Christina Kurth, Der Prozeß Jesu, in: Kirche und Israel 1.98; Roland Gradwohl, Was ist der Talmud; Jochen Klepper, Unter dem Schatten deiner Flügel, Tagebuch.


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