Schöpfung oder Urknall?

Der sogenannte Urknall ist eine Wissenschaftstheorie, die die Entstehung und Entwicklung unseres Universums erklärt. Vielen ist sie bekannt. Ich möchte sie in einem ersten Teil dennoch erläutern und danach sagen, welche Schlüsse man aus ihr ziehen kann.

Die wissenschaftliche Erklärung des Kosmos (= des Weltalls) ist schon alt, aber erst im letzten Jahrhundert fand man heraus, dass der Kosmos oder das Universum gar nicht statisch sind, also unbeweglich und fest gefügt, sondern elastisch und dass sich das Weltall ausdehnt. Wie fand man das heraus? Ein wichtiger Schritt zu dieser neuen Erkenntnis bestand darin, dass man im Spektrum des Lichtes bei weit entfernten Galaxien eine Farbverschiebung beobachten kann: Ihr Lichtspektrum verschiebt sich in den roten Bereich. Diese Beobachtung deutete darauf hin, dass sich die Galaxien von uns entfernen. Die Strahlung wird dadurch langwelliger, so wie Schallwellen eines vorbeifahrenden Autos allmählich ihre Intensität verändern. Ein nahes Auto hören wir anders als ein weiter entferntes Auto. Hinzu kamen noch andere Beobachtungen: Es gibt diese Rotverschiebung bei allen Galaxien unabhängig davon, wie weit sie von der Erde entfernt sind. Das wiederum kann nur bedeuten, dass sich alle Galaxien von unserem Sonnensystem entfernen, ähnlich wie Rosinen im Teig eines Hefekuchens, wenn er gebacken wird. Und auch, dass sich der Raum ausdehnt. Und die Hypothese daraus, die eines George Lemaitre (1894 – 1966) war die, dass man diesen Prozess der Ausdehnung letztlich bis zu einem Zeitpunkt zurückverfolgen können müsste, an dem der Raum noch keine Ausdehnung hatte. Also an den Anfang zurück. Dieser Punkt war vor etwa 13,7 Milliarden Jahren. Der sogenannte Urknall: und vor diesem gewaltigen Auseinanderstreben gab es eine unvorstellbare Etwas, eine undefinierbare Besonderheit, einen multiaufgeladenen Energiepunkt, mathematisch gesprochen: Am Anfang stand eine mathematische Singularität der zeitlichen Entwicklung der Massendichte. Es gab also keinen Raum, keine Zeit, kein Licht. Da unsere Wissenschaft an die Naturgesetze gebunden sind, an Raum und Zeit und an das, was man empirisch also wissenschaftlich messen und belegen kann, dringt die wissenschaftliche Erforschungsmöglichkeiten zwar bis sehr nahe an den Anfang heran, aber eben nur bis dahin, wo es Zeit und Raum und Naturgesetz gibt. Und das kann nach neusten Berechnungen nur 5 Sekunden hoch minus 30 nach dem Anfang dieses Prozesses sein. Kurz gesagt: Selbst diese Theorie vom Urknall, die sich übrigens wissenschaftlich immer mehr bestätigt hat, reicht aber letztlich nicht bis an den tatsächlichen Anfangspunkt heran. Ihre Beweisbarkeit beginnt wie gesagt 5 Sekunden hoch minus 30 danach. Alles, was davor ist, ist reine Spekulation. Darum kann und darf diese Wissenschaftstheorie auch nicht dazu benutzt werden, etwas für oder gegen die Möglichkeit einer Schöpfung durch einen Schöpfer zu sagen, weil sie schlichtweg dazu keine Aussagen machen will und kann. Dennoch waren die Theologen und Kirchenleute, die sich sehr kritisch mit dem Urknall auseinandersetzten zunächst froh über diese neue Erkenntnis. Denn vorher, vor Lemaitre, hatte zweihundert Jahre die kosmologische Vorstellung von Isaak Newton (1643-1727) geherrscht, nach der der Kosmos ein ewig währender, absoluter Raum sei. Unveränderbar. Statisch. Jetzt aber, mit der Urknalltheorie, sah man auf einmal, dass die Rede der Bibel von Himmel und Erde und von dem, was der erste Schöpfungsbericht sagt, eher wieder bestätigt wurde: nämlich: Die Welt hat einen Anfang…“Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde!“ (1. Mose 1) Danach war erst einmal ein Explosionschaos: Tohuwabohu, auch das sagt die Bibel. Und es brauchte zunächst erst einmal Licht und Zeit und Raum, bevor alles andere werden konnte. “Und Gott sprach es werde Licht und es ward Licht!“ Lemaitre fand heraus, dass auch das Universum den Naturgesetzen zu gehorchen scheint, so dass die Aussage des biblischen Erzählers bestätigt wird: Auch der Himmel als Raum bzw. als Weltraum gehört zu dem, was Gott erschuf. Auch der Himmel ist erschaffener Raum. Zwar liegen zwischen Lemaitre und dem ersten Schöpfungsbericht über 2500 Jahre, im Verhältnis zu den 13,7 Milliarden ein Nichts, dennoch scheint auch der Schreiber des Schöpfungsberichtes schon ein ausgebildeter umsichtiger Denker gewesen zu sein, der die Kausalität von allem zu allem gekannt hatte und in eine spannende Erzählung umzusetzen wusste, mindestens genauso spannend wie die Theorie vom Urknall.

Kurz gesagt: An das Geheimnis der Schöpfung und an die Wirklichkeit Gottes reichen beide nicht heran. Beide, Urknall und Schöpfungsgeschichte wollen das Geheimnis des unmittelbaren Anfangs nicht enträtseln: Die Urknalltheorie kann es nicht, weil sie 5 Sekunden hoch minus 30 davor stop machen muss. Die Schöpfungsgeschichte will es nicht, weil kein lebender und denkender Mensch die jenseitige Wirklichkeit Gottes betreten kann. Die Hebräische Bibel macht das übrigens sehr sinnfällig deutlich, indem sie nicht mit dem ersten Buchstaben des Alphabets die Schöpfungsgeschichte beginnt, also nicht mit dem Alef dem A, sondern dem Beth, dem B. Bereschit bara elohim haschamaim we haaretz….Am /Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. B ist das Wort für Am/Im …Reschit = der Anfang) Be-Reschit. Das Allererste allerdings, hier symbolisiert durch das A, ist allein Gott vorbehalten.

„Ich bin das A und O, der Anfang und das Ende, heißt es in der Johannesoffenbarung (Offb.1,8) Gott/Christus allein ist das A. Alles Geschaffene hat in ihm nicht nur einen Anfang, sondern auch ein Ende. O als letzter Buchstabe des griechischen Alphabets. Himmel und Erde werden vergehen. Übrigens besagt das auch die Theorie des Urknalls, dass am Ende der Ausdehnung, alles wieder in sich zusammenfallen wird. Alles Geschaffene wird vergehen. So sagt es die Bibel auch. Es wird vergehen, um neu zu werden. Ein neuer Himmel und eine neue Erde.

Nun noch zur ersten Schöpfungsgeschichte in der Bibel: Schon die klugen Menschen, die die Texte der Bibel sammelten und zusammenstellten, setzen nach dem ersten Schöpfungsbericht einen zweiten, um zu sagen: Jede Sache, jedes Thema hat sicherlich zwei, wenn nicht noch mehr Seiten und Wahrheiten. Und: Die Schöpfungserzählungen der Bibel sind zwei von ganz vielen Schöpfungsmythen aus der Geschichte der Menschheit. Alle Kulturen kennen Erzählungen der Welterschaffung, von den Ägyptern, über die Babylonier, über die Inkas bis hin zu den Indianern Nordamerikas oder den Völkern in Afrika. Ein Mythos ist eine Sage von Göttern, Geistern oder Helden aus der Urzeit der Völker. Farbenfroh und fantasiereich wird berichtet, wie die Welt entstand, durch Göttergeburt, Drachen – oder Chaoskampf. In Afrika ist es ein Gott, der die Welt herauskotzt. Es gibt da nichts, was es nicht gibt. Im Vergleich dazu wirkt unser Schöpfungsbericht aus der Bibel aufgeklärt und sachlich, geordnet und logisch. Ich gebe ein Beispiel: Unser Schöpfungsbericht entstand in der Auseinandersetzung mit den babylonischen Schöpfungsmythen. Dort waren die Sonne und besonders der Mond rachesüchtige Götter. (In den Psalmen gibt es da noch einen ganz entfernten Nachhall, wenn es da heißt: Dass dich die Sonne nicht steche, noch der Mond des Nachts Ps. 121,6). Im biblischen Schöpfungsberichtes heißt es lediglich: Sonne und Mond sind Lampen, keine Götter, reine Lampen, die Gott für uns in den Himmel gehängt hat. Menora= Lampen. So ragt unser biblischer Schöpfungsbericht heraus aus vielen anderen Schöpfungsmythen durch seine sachliche, kluge und aufklärerische Darstellung.

Doch zurück zu unserer Ausgangsfrage: Schöpfung durch Gott oder Urknall?

Wir haben festgestellt, dass die Wissenschaftstheorie vom Urknall nicht an den wirklichen Anfang heranreicht. Aber auch, dass der erste Schöpfungsbericht uns nicht das Rätsel Gottes jenseits unserer Wirklichkeit und unseres Denkraums offenbart. Menschen haben das Ganze mit einer Waschmaschine verglichen. Ist die Waschmaschine kaputt, kommt der Handwerker und schaut nach. Er sieht: Aha, der Keilriemen ist defekt und repariert ihn. Das war es. Aber über den Sinn, warum es eine Waschmaschine gibt, macht er sich keine Gedanken. So auch die Urknalltheorie. Sie erklärt nur, warum was wie funktioniert, über den Sinn des gesamten Ganzen, macht sie keine Aussagen. Aber das reicht uns Menschen nicht. Wir brauchen und suchen den Sinn. Wir wollen uns in das kosmologisch Ganze einfügen und einordnen können. Wir wollen das Ganze verstehen, dem Ganzen einen Sinn geben! Gott hat es für Dich getan. In ihm und durch ihn leben, weben und sind wir. Martin Luther hat es in seiner Erklärung zum 1. Glaubensartikel wunderschön ausformuliert.

Im Allerheiligsten, im Tempel von Jerusalem, dort wo die 10 Gebote lagen und der goldene siebenarmige Leuchter stand, wo Gott wohnen sollte, da war nichts, nur ein leerer Raum. Aber nicht, weil es Gott nicht gäbe, sondern weil wir sein Wesen und seine Wirklichkeit mit nichts vergleichen oder abbilden können. Jeder und jede ist vor die Frage gestellt, wie fülle ich den leeren Raum des Anfangs: Mit dem Begriff Zufall oder mit Gott, dem Schöpfer, der aus seiner Wirklichkeit heraustritt und die Welt mit all den Naturgesetzen ins Leben spricht. Ich weiß auch nur eins: Jedes Mal, wenn ich den klaren Nachthimmel mit all den Sternen betrachte, wie im Februar am Strand auf den Philippinen, abseits jeden künstlichen Lichtes, überwältigt von einem unfassbar schönen und grandiosen Sternenhimmel, dann fällt für mich die Antwort so eindeutig und klar aus, so klar wie der Himmel über mir.

 

 

„Im Anfange der Welt,

ehe des Himmels Pforten entstanden, ehe der Winde Stöße bliesen,

eher der Donner Schall ertönte, ehe der Blitze Leuchten strahlte,

ehe die Grundlagen des Paradieses gelegt,

ehe die Schönheit seiner Blumen zu schauen war,

ehe die Mächte der Bewegung bestellt,

ehe die zahllosen Heere der Engel gesammelt,

ehe die Höhen der Lüfte sich erhoben,

ehe die Räume des Himmels Namen trugen,

ehe Zions Schemel bestimmt war,

ehe die Jahre der Gegenwart berechnet,

ehe die Anschläge der Sünder verworfen,

aber, die Schätze des Glaubens gesammelt, versiegelt:

damals habe ich dies alles vorbedacht,

und durch mich und niemand weiter wurde es geschaffen“ 4 Esra 5, 56ff

 

 

Pfarrer Michael Schankweiler, Oberwinter


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