Glaubensmut und Glaubensstärke – Eine mutige Frau kämpft um ihr Kind

Predigt zu Mt. 15, 21-28 von Pfarrer Michael Schankweiler aus Oberwinter am Rhein

 

Hund: Mein Hund gesellt sich gerne beim Frühstücks- oder Mittagstisch in meine Nähe. Er darf nicht betteln – aber es geschieht doch hin –und wieder, das mir ein Stück von Etwas hinunterfällt. Dann freut er sich. Er isst so ziemlich alles, was ihm vor die Schnauze fällt. Einmal hat er sogar ein Hanuta-Päckchen samt Stanniolpapier verspeist. Hunde sind aber für die Bibel unreine Tiere, noch heute werden im Nahen Osten, Feinde als elende Hunde bezeichnet. Hund als Schimpfwort, so wie bei uns das rosafarbene Grunztier, das sich so gerne im Schlamm suhlt.

Tisch: Er ist das Symbol für die Gemeinschaft. Wir suchen uns meist aus, mit wem wir an einem Tisch sitzen. Besetzte Tische im Restaurant sind uns unangenehm. Wir setzen uns nicht gerne zu fremden Leuten an den Tisch. Das kostet Überwindung. Tischgemeinschaft ist etwas Intimes und Besonderes und wird nicht jedem gewährt.

Kanaan: Die Kanaanäer waren seit alters her die Feinde Israels. Glaubensfremde, Götzenanbeter, Unreine, vor denen man ausspuckte.

Frauen: Frauen hatten in der damaligen Gesellschaft nichts zu sagen. Gespräch oder gar Berührung mit einer wildfremden Frau war verboten. In einem alten jüdischen Gebet dankt der betende Mann dafür, nicht als Frau geboren zu sein.

Jesus. Er hat sich sehr weit von dem Kernland Israel entfernt. In das Gebiet des heutigen Libanon, hören wir. Sidon und Tyrus sind Hafenstädte in der Nähe des heutigen Beirut. Warum so weit? Die Bibel redet von Rückzug. Er braucht Abstand. Ein erster Konflikt mit den mächtigen Schriftgelehrten lässt ihn fliehen.

Wen wunderst dann, dass er einer dort ansässigen, nicht jüdischen Frau begegnet, wo er sich doch in Feindesland begibt Er begegnet einer Kanaanäerin. Einer Angehörigen jenes Volkstamms, die mit den Juden seit Abrahams Tagen im Streit und Krieg leben.

Sie hat ein behindertes Kind. …“von bösem Geist geplagt…!“ Was können wir darunter verstehen? Ich denke, das Kind litt an epileptischen Anfällen. Es kam vor, dass es aus heiterem Himmel zusammenbrach, zuckte, Schaum vor dem Mund hatte, rosagefärbt von einer angebissenen, verletzten Zunge. Die Menschen damals dachten, ein böser Geist sei in dieses arme Menschenkind gefahren. Das Kind litt, noch mehr aber die Mutter mit dem Kind, einem Mädchen. Und sie kämpft für ihr Kind. Und sie hat von Jesus gehört, dem Heiler. Und als er nun in ihre Nähe kommt, tut sie alles, ihm zu begegnen. Und als er dann da ist, schreit sie in ihrer Not und bittet Jesus um Hilfe!

Und nun werden die klassischen Vorstellungen von Jesus und einer Frau zu Jesu Zeiten vollkommen durcheinandergewirbelt.

Jesus ist hier gar nicht der verständnisvolle Mensch, der allen sagt: Kommt her, die ihr müheselig und beladen seid. Im Gegenteil. Er ist unverschämt. Er beleidigt diese Frau. Lebensbrot gibt es nur für die Kinder meines jüdischen Volkes. Für Euch Heiden gibt es nichts. Ihr seid Hunde in meinen Augen?? Einmal hat Jesus gesagt: Ihr werdet Euch an mir ärgern! Und in der Tat – im ersten Augenblick ist es wenig menschlich und ärgerlich, wie er hier mit einer Frau und ihrer Not umgeht. Hier ärgere ich mich über Jesus.

Und sie? Diese Frau? Sie lässt nicht locker! Sie widerspricht Jesus! Sie kämpft wie eine Löwin für ihr krankes Kind. Sie gibt nicht auf! Sie glaubt fest daran, dass von dem großen Kuchen der Liebe Gottes doch etwas vom Tisch der Gnade herabfällt – auch für sie die Heidin, und ihr Kind geheilt wird und auch leben darf. Eine starke Frau begegnet uns hier. Sie nervt und zickt herum, für ihr Kind. Ja, die Jünger sind von ihrem Geschrei schon so genervt, dass sie Jesus bitten: Hilf Ihr. Sie schreit uns ja sogar nach!

Ich muss hierbei an so manche Eltern von behinderten Kindern denken, die es wahrlich schwer haben bei uns. Aber auch sie kämpfen oftmals für ihre Kinder einen Löwenkampf: für eine gute Operation, Übernahme der Kosten, eine gute Schule, Therapien….fast alles muss mit Mut und größtem Engagement erkämpft werden.

Jesus merkt wohl mit was für einer wunderbaren Frau und Mutter er es hier zu tun bekommt. Selbst seine bewusst oder unbewusst geführte Gegenoffensive, lässt sie nicht resignieren, sondern – im Gegenteil – es gebiert neue Energie und Kampfeskraft, jetzt ja nicht aufzugeben und zu verzweifeln! Vielleicht hat Jesus das ja auch so beabsichtigt. Nicht nur fördern, sondern auch fordern ist gefragt. Gegenwind als Aufwind nutzen!

Diese Geschichte bei Matthäus und viele Geschichten der Bibel, zeigen uns sehr starke, emanzipierte und mutige Frauen. Und wenn man bedenkt, dass das ja Texte aus antiker Zeit sind, wieviel mehr war so ein Text damals (und heute) eine wahre Provokation für die Hörerinnen und Hörer. Selbst Jesus vermag es nicht – und will es auch nicht – einer Frau den Mund verbieten. Und auch gerade seine ärgerliche Gegenrede, lässt die Größe dieser Frau noch mehr erstrahlen! (Und auch Maria hatte auch eine kämpferische und nicht nur empfangende Seite!)

„Da antwortete Jesus und sprach zu ihr, Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst. Und ihre Tochter wurde gesund zur selben Stunde.“

Welch` ein Faszinosum: Glaube gibt es für jeden Menschen, unabhängig seines Herkommens oder seiner Religion. Jesus bescheinigt dieser Frau: Du bist eine große Gestalt des Glaubens. Und sie muss nicht seinem Volk angehören.

Wir interpretieren den Glauben auch immer gerne als Vertrauen, als sich fallenlassen in die Güte Gottes, als Geschenk. Heute haben wir gesehen: die viel zu oft vergessene andere Seite des Glaubens: Die Glaubensstärke, die Glaubenskraft, eine Kraft die Berge versetzen kann. Glaube ist nicht nur passiv, sondern auch aktiv, ist stark, kämpferisch, mutig. Und ich glaube ganz gewiss, dass von diesem Glaubensfeuer, das durch den Widerspruch Jesu und der Gegenrede durch diese Frau, nur noch größer ward und Nahrung erfuhr, sich auf das kranke Kind übertrug.

Viele alte Gesangbuchlieder wissen noch sehr genau, dass der Glaube eine aktive, kämpferische, hoffnungsbeladene, niemals aufgebende Seite hat: So im Choral von Georg Joachim Zollikofer aus dem Jahre 1766

„Gib meinem Glauben Mut und Stärke und lass ihn in der Liebe tätig sein, dass an seinen Früchten merke, er sei kein eitler Traum und falscher Schein. Er stärke mich in meiner Pilgerschaft und gebe mir zum Kampf und Siege Kraft.“ EG 414,2

 

 


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