Beziehung über den Tod hinaus

Die Auferweckung des Lazarus ( Joh. 11, 1+3, 17-27)

von Pfarrer Michael Schankweiler, Oberwinter

 

Jesus war Menschen freundschaftlich verbunden. So auch einer Maria im kleinen Örtchen Bethanien nahe Jerusalem, ihrer Schwester Marta und deren Bruder Lazarus. Sie waren ihm enge Freunde, die er sehr gern mochte. In ihrem Haus findet er Zuflucht, ein Dach über dem Kopf, Essen, freundschaftliche Geborgenheit.

Jesus ist weit von seinen Freunden entfernt, da ereilt ihn die Botschaft: Lazarus ist sehr krank. Als er hineilt, kommen ihm aber schon Trauergesänge entgegen. Lazarus ist tot, schon vier Tage.

Vier Tage besagt die Endgültigkeit seines Todes. Es gab im Judentum die Vorstellung, dass die Seele eines Verstorbenen noch drei Tage in der Nähe seines Körpers verweilt. Sieben Tage lang trauern die Schwestern. Mit ihnen viele Freunde. Sie weinen, die singen, Nachbarn kochen. Mitten hinein in die Trauertage kommt Jesus.

Für die Menschen um Jesus war der Glaube an die Auferstehung am Ende der Zeiten eine Selbstverständlichkeit. Die wenigsten Christinnen und Christen wissen, dass der Auferstehungsglaube aus dem Judentum stammt. Sie meinen, das sei doch gerade das allein christliche ihrer/unserer Religion. Weit gefehlt! Schon zu der Zeit Jesu glaubten die Menschen – um ihn – an die Auferstehung am Ende der Zeit. So bekennt Maria in unserem Text, nachdem Jesus ihr versichert hatte: Dein Bruder wird auferstehen…. So sagt sie: “Ich weiß wohl, dass er auferstehen wird – bei der Auferstehung am Jüngsten Tage!“ Sie bekennt, was sie gelernt hat. So heißt es in den berühmten 13. Glaubensartikeln des jüdischen Gelehrten Maimonides: „Ich bin vollkommen überzeugt, dass die Auferstehung der Toten sein wird zur Zeit, die wohlgefällig sein wird dem Schöpfer, gelobt sei sein Name und verherrlicht sein gedenken immerfort und in Ewigkeit der Ewigkeiten!“

 

Dennoch: Schon damals war der Glaube an die Auferstehung am Ende der Zeiten kein allgemeines Glaubensgut. Es war jeder Zeit durchaus strittig. Eine Gruppe im Judentum zurzeit Jesu, die Sadduzäer, verneinten die Möglichkeit der Auferstehung eines Menschen. Die Diskussion darum gab es immer wieder, weil es scheinbar gegen jede Vernunft geht. Es gibt die Anekdote, dass ein Pfarrer zurzeit Friedrich des Großen, also im 18. Jahrhundert, die Auferstehung am Ende der Zeit leugnete. Der sollte bestraft werden und Friedrich sollte das Urteil fällen. Nun ist ja bekannt, dass Friedrich in Religionsfragen äußerst tolerant war und der Meinung war, jeder solle nach Facon selig werden. Darum sprach er folgendes Urteil: Wenn der Pfarrer am Ende der Zeit nicht auferstehen will, dann soll er halt liegen bleiben!“

Die Lazarus Geschichte will uns aber überzeugen, dass nach Jesus – nach seinem Verständnis, dass nach seinem Willen – die Auferstehung etwas anderes ist, als ein Produkt der menschlichen Vernunft oder ein Kathechismus- Stück, also etwas zu Lernendes – wie Maria es hersagt, sondern etwas Lebendiges und Tiefes und Erfahrbares im Hier und Jetzt.

Darum geht es in dieser Geschichte. Auferstehung ist eine Beziehungsgeschichte und will sich tatsächlich schon im Hier und Heute ereignen. Nicht erst am Ende der Zeiten.

Wir alle kennen das, dass Menschen, die uns etwas bedeuteten und die gestorben sind, zwar körperlich tot sind, aber doch in unserer Erinnerung und in unserem Herzen weiterleben, ja, wir manchmal mit ihnen in stiller Zwiesprache sind: Freund – Volker – 36 Jahren gestorben – aber oft denke ich an ihn und lächle ihm zu. Jesus hier hat auch seinen Freund verloren. Es heißt extra in unsrem Text: Jesus hatte Maria lieb und ihre Schwester und Lazarus!“ Und es heißt von Jesus, dass er weinte um seinen Freund: „Und Jesus gingen die Augen über. Die Menschen sprachen: Siehe, wie hat er ihn lieb gehabt!“

Auferstehung meint eine Liebe, die am Grab nicht endet, das meint eine Beziehung, der Sterben nichts anhaben kann. Auferstehung meint, dass Gott die Toten im Gedächtnis hat. Eine unauflösbare Beziehung durch Liebe. Der Anfang des Lebens. Frage: Wann beginnt Leben? Durch die Verschmelzung von Ei und Samen? Die Wissenschaft sagt. Nein. Leben beginnt durch die Nidation, das meint die Einnistung des befruchteten Eis in die Gebärmutter. Erst wenn eine Beziehung aufgebaut ist, zwischen Mutter und Kind ist Leben. Es geht um die Beziehung zu Gott zu Jesus

Rein rational kann Maria nicht verstehen, wenn Jesus ihr den wunderbaren Satz sagt, den auch ich immer an den Gräbern in Oberwinter und anderswo zitiere: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt…. „

oder

„Ich bin der gute Hirte und selbst der Tod wird die Meinen mir nicht aus meiner Hand reißen.“

Rational kann niemand das erfassen oder vorwegnehmen. Und dennoch übergreift die Liebe das Rationale und Maria wird bewusst: In der Nähe Jesu, dem Sohn Gottes, schwindet die tödliche Macht so wie ein Morgen die Nacht vertreibt.

Die Auferstehung bleibt ein Geheimnis, das wir nicht gänzlich erfassen und schon gar nicht rational erklären können. Auch Maria versteht nicht alles, was Jesus ihr sagt. Aber sie vertraut ihm – seiner starken Freundesliebe.

Die Geschichte sagt auch: Beides gehört zu einem Trauerprozess: Weinen und Hoffnung, Klagen und Glauben, vergehen und wieder auferstehen.

Als junger Vikar…..habe ich bei Beerdigungen der Trauer viel zu viel Raum gelassen und ich schäme mich heute noch dafür, dass ich den Trauernden die Botschaft der Auferstehung verschwieg. Aber das ist es ja, wofür wir stehen als Kirche – jeder Sonntag ist ja letztlich ein Ostertag. Christ ist erstanden. Wir feiern jede Woche die Auferstehung inmitten einer tödlich kranken Welt. Das ist unsere Botschaft. Dafür steht der Posaunenengel auf unserem Turm. Darum singen wir. Alle Welt soll es hören. Der Tod hat ausgespielt. Er hat nicht das letzte Wort über unser Leben. Gottes Liebe und wir in ihr – sind stärker. Ihm leben sie alle! Wir sind Protestleute gegen den Tod.

Und schließlich: Jesus hat das tatsächlich bewirkt, was wir hier in unserer Geschichte erfahren: Dass Menschen mitten in ihrem Leben auferstehen, weil er sie geheilt hat.

Und auch heute gibt es Menschen, die das erlebt haben und erzählen können: Ein Manager mit Burn- Out, oder eine Krankenschwester, die sich bis zur Selbstaufgabe geopfert hatte…ein krebskranker Mensch, der kämpfte, hoffte, weinte, litt…..und nach einem tiefen Tal, aufsteht und neu lebt. Menschen stehen auf und widerstehen menschenunwürdigen Lebensweisen…..Es gibt sie die Auferstehung mitten im Leben und nicht erst am Ende der Zeit. Davon erzählt unsere Geschichte! Amen

 

 


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