Anmerkungen und Anekdoten zu Joseph Haydn

Franz-Joseph Haydn erblickt am 31. März 1732 das Licht der Welt, in Rohrau, in Österreich, im Burgenland. Es ist ein von niedrigen Gebirgen durchzogenes, sanftes, liebliches Ländchen, das von zahlreichen romantischen Schlössern belebt wird. So beschreibt es sein Biograph Karl Geiringer. Ludwig van Beethoven soll beim Anblick eines Bildes von Haydns Geburtshaus ausgerufen haben, voll Rührung: „Eine schlichte Bauernhütte, in der ein so großer Mann geboren wurde!“ Kennen gelernt hatten sich die beiden Komponisten in Bonn als Beethoven 22 Jahre alt war. Als junger Künstler strebte Beethoven von Bonn nach Wien, um einem noch viel Größeren der damaligen Zeit zu begegnen und von ihm zulernen, doch als er Wien erreicht ist der Schöpfer der Zauberflöte schon nicht mehr am Leben.

Doch zurück zu den Verhältnissen, in die Joseph Haydn hineingeboren wird. Sie sind äußerst bescheiden, ja geradezu ärmlich. Dennoch darf man sich die Familie Haydn nicht als bedürftig vorstellen. Sein Vater Mathias war ein tüchtiger Wagnermeister, der, wie man aus seiner Steuererklärung ersehen kann, neben der Arbeit als Wagner einen Weinkeller besaß, dazu etwas Land und eine Kuh. In seiner Gesellenzeit hatte der Vater eine Harfe erstanden und spielen gelernt, ohne dass er Noten lesen konnte. Des Abends sangen er und seine Frau Maria die Volksweisen ihrer Heimat, ein musikalisch nicht zu unterschätzendes Erlebnis für deren Kinder. Bald sang der kleine Joseph mit einer schönen Stimme den Eltern die Lieder nach. Daneben imitierte er die Stimmen der nahen, ihn umgebenden Natur. Der Biograph bemerkt dann auch zu dem sich in Reife und Alter ausgebildeten Wesen des Komponisten: “Joseph Haydn ist vielleicht der gewaltigste Diesseitsgeist unter den großen Musikern. Gesunde Sinnlichkeit erfüllt sein ganzes Wesen. Er ist ein trefflicher Beobachter und sieht seine Umwelt mit klaren, scharfen Augen. Damit hängt auch das tiefe Naturgefühl Haydns, der sein halbes Leben auf dem Lande verbrachte, zusammen. Er liebte die Jagd und den Fischfang; das Leben und Weben der Kreatur ist ihm innig vertraut, und es ist überaus bezeichnend, dass er als Bekrönung seines Lebenswerkes die Schöpfung in ihren kleinsten wie in ihren gewaltigsten Erscheinungen preist. Das „Laus Deo“ Lobt Gott! – ähnlich Bachs Soli Deo Gloria – allein Gott die Ehre! beschließt fast jedes Werk Joseph Haydns

Früh wird die musikalische Hochbegabung des kleinen Joseph entdeckt, der sich aus Holzscheiten eine Art stummer Violine baut und auf der er mit großer Sicherheit den Takt zu dem Gesang der Eltern angab. Kaum 6 Jahre alt, heißt es für den kleinen „Seppel“ von zu Hause Abschied nehmen. Johann Franck, ein Verwandter der Familie und Schulrektor nimmt den Jungen unter seine Fittiche nach Hainburg. Es ist eine harte Zeit für das Kind. Doch die erhoffte Förderung bleibt aus. Als alter Mensch erinnert sich Haydn und bemerkt einmal, dass er damals mehr Prügel als zu essen erhielt. Und dennoch findet er Förderung im Spiel verschiedener Instrumente und erfährt wirklich gute Kirchenmusik, für die der Onkel als Mesner zuständig ist. In einer autobiographischen Skizze schildert Haydn: „Gott der Allmächtige…gab mir besonders in der Musik so viel Leichtigkeit, in dem ich schon in meinem 6. Jahr ganz dreist einige Messen auf dem Chor herabsang, auch etwas auf dem Clavier und Violin spielte.“

Die Hochbegabung blieb auch in Hainburg nicht unentdeckt. Um den Stand seiner Sängerknaben zu ergänzen, kam ein gewisser Johann Georg von Reutter, der Domkapellmeister der Wiener Stephanskirche nach Hainburg. Der Pfarrer der Gemeinde macht den hohen Herrn auf die angenehme Stimme des siebenjährigen Haydn aufmerksam. Joseph und sein Onkel wurden in das Haus des Pfarrers geladen und nach kurzer Prüfung, während der Kapellmeister dem Kleinen zeigte, wie ein Triller zu schlagen sei und der Junge seinen Anweisungen mit großem Geschick gefolgt war, erklärte Reutter:“ Du bleibst bei mir!“ Mit 8 Jahren kommst Du nach Wien und wirst Sängerknabe zu St. Stephan!“

Doch die Zeit als Sängerknabe wird zum Fiasko. Die Geistige und geistliche Speise bleiben dürftig. Der Heranwachsende darbt. Der Biograph vermerkt: „Es schien, als ließe man absichtlich mit dem Geiste zugleich den Körper verhungern. Josephs Magen musste sich an immerwährendes Fasten gewöhnen.“ Als sein jüngerer Bruder Michael, ebenfalls musikalisch hochbegabt, Sängerknabe wird, wird er ihm zum Konkurrenten. Michael besaß eine besonders schöne Stimme, die einen Umfang von nicht weniger als drei Oktaven besaß. Als die österreichische Kaiserin beide hörte, stellte sie fest: „Joseph kräht wie ein Hahn!“ Dem Jüngeren allerdings schenkt sie 24 Golddukaten. Der Frust treibt den Älteren zum Schabernack. Als er einem Mitsänger mit der Schere den Zopf abschneidet, muss er als Strafe die Sängerknaben verlassen und ist völlig auf sich allein gestellt und mittellos. (Gern würde ich noch mehr aus seinem bewegten Leben berichten, doch dafür reicht heute die Zeit nicht.) Bis Joseph Haydn schließlich eine feste Anstellung erhielt, musste er sich mit Gelegenheitsarbeiten notdürftig über Wasser halten. Und schließlich – und damit mache ich einen großen Sprung – kam er in die Dienste des ungarischen Fürst Paul Anton Esterhazy. Diese Verbindung sollte nun das Schicksal des Künstlers für die nächsten 30 Jahre bestimmen. Werke unterschiedlicher Genres entstehen: Streichquartette, Märsche und Tänze, Symphonien, Klaviersonaten, Opern, Solokantaten und Messen. Kein Komponist ohne gute Solisten, kein Komponist ohne Förderer. Beides fand er. Sein Ruhm schallt vom Kontinent hinüber ins kunstbeflissenen England, das immer noch Händelland ist. Dennoch: Haydn feiert auch hier Triumphe und verdient sehr viel Geld. Dass er bei aller Arbeit seinen Humor und seine Lebensfreude nie verloren hat, zeigt folgende Tagesbuchnotiz Haydns an: Die musikalische Leistung eines adligen Freundes, des Lord Abingdon, nahm er auf die Schippe und dichtete in Anspielung auf die abnehmenden Kräfte des Alters und in Anspielung auf zwei bedeutende Könige Israels so:

 

„Salomon und David waren große Sünder,

hatten schöne weiber, machten viele kinder.

Da Sie nicht mehr konnten und kamen ins alter,

macht der Eine Lieder, und der ander Psalter.“

 

Heiterkeit und Freude seien die Grundzüge des Haydnschen Wesens, so sein Biograph Geiringer. Dieser Frohsinn ist dem Meister auch im späten Alter nicht abhanden gekommen und zu seinem Lebensprinzip geworden. In einem Brief heißt es:“ Oft, wenn ich mit Hindernissen aller Art rang,…wenn oft die Kräfte meines Geistes und Körpers sanken, und es mir schwer ward, in der angetretenen Laufbahn auszuharren,- da flüsterte mir ein geheimes Gefühl zu: Es gibt hinieden so Wenige der frohen und zufriedenen Menschen, überall verfolgt sie Kummer und Sorge, vielleicht wird deine Arbeit bisweilen eine Quelle, aus welcher der Sorgenvolle…auf einige Augenblicke seine Ruhe und seine Erholung schöpfet.“

Joseph Haydn war zeitlebens ein tiefgläubiger katholischer Christ. Von mozartschem Freimaurertum hielt er sich fern. Besonders bei dem Wunderwerk der Schöpfung konnte er sein Gottesbild darlegen: ein Gott voll Liebe und Güte, ein harmonisches Weltbild und seine eigene frohe Lebensbejahung, die er in seiner Seele trug. Später äußerte sich Haydn so: „Nie war ich so fromm als während der Zeit, da ich an der Schöpfung arbeitete. Täglich fiel ich auf die Knie und bat Gott, dass er mich stärke für mein Werk.“ Wenn seine Inspiration nachließ, stand er vom Klavier auf und betete, worauf er neu gestärkt mit der Arbeit fortfahren konnte.

Durchbetet ist auch unsere heutige Messe, die er für den Orden der Barmherzigen Brüder schrieb. Entgegen allen musikalischen Gestaltungsprinzipien – lässt Joseph Haydn das Agnus Dei am Ende der Messe verklingen. Wir lesen noch heute im originalen Manuskript den handschriftlichen Vermerk des Meisters zu dieser Passage: perdendosi = sich verlieren – verlöschen – ins Nichts? Ins Jenseitige? In die Stille? Ins Lob? Joseph Haydn stirbt am 31.Mai 1809 in seinem Haus in Wien im Alter von 77 Jahren. Amen

Pfarrer Michael Schankweiler, Oberwinter

 

 


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